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VOLKER KNAPP-DIEDERICHS:
Es ist an der Zeit
Inventur zu machen
Plädoyer für eine konstruktive
Diskussion
über den Energiebegriff in der Körperpsychotherapie
Brauchen wir oder
brauchen wir nicht? Brauchen wir den Energiebegriff in der modernen Körperpsychotherapie?
Oder stört der nur? Ist "Energie" ein obsoleter Begriff
geworden, der eher verwirrt als Klärung schafft? So schnörkellos
sieht es jedenfalls die Arbeitsgruppe der EABP-CH um Ernst Juchl (siehe:
Ernst Juchli: Der Energiebegriff in der Körperpsychotherapie auf
dieser Website). Eine öffentliche Stellungnahme findet sich bisher
nur vom wohl exponiertesten Vertreter der Körperpsychotherapie in
Europa, David Boadella, der in seiner Replik vehement Kritik äussert
(siehe: David Boadella: Review - Der Energiebegriff in der Körperpsychotherapie
auf dieser Website)
Eine schweigende Mehrheit lehnt sich gelangweilt oder uninteressiert
(?) zurück. Es ist halt schwierig, über Motive einer schweigenden
Mehrheit ... etwas zu sagen.
Dass es eine schweigende Mehrheit in dieser Frage gibt, hängt mit
der Frage selbst zusammen: Denn die Diskussion um den Energiebegriff bewegt
sich bisher weitgehend auf dem Boden der Meinung, der persönlichen
Überzeugung, der Glaubenssätze ... dieser Boden ist fest oder
wackelig, entsprechend der Persönlichkeit. Gerade das aber macht
diese Frage so delikat. Denn es geht hier nicht nur um eine rein wissenschaftliche,
physikalische Frage. Es geht auch um Metaphysik, um spirituelle Haltungen,
um Weltbilder.
Konsequenz: Ein wichtiger Schritt für eine wirklich an Antworten
orientierte Diskussion wäre, zwischen Physik und Metaphysik, zwischen
Wissenschaft und Spiritualität in dieser Frage klar zu differenzieren,
und vor allem auch klar zu benennen, aus welcher Instanz jemand jeweils
argumentiert.
Meinungen sind wie Frisuren ...
irgendwie hat jeder hat eine
Wenn man Glatzen dazu zählt, dann hat doch wohl jeder eine Meinung
zur Energie, sogar - ganz postmodern - in digitalisierter Form: Gibt's
- gibt's nicht.
Das ist etwas, das der Bericht der Arbeitsgruppe der EABP-CH aus seinen
Interviews interpretiert und das mit meiner Lebenserfahrung deckungsgleich
ist: Jeder Körpertherapeut redet davon, aber jeder meint offensichtlich
etwas anderes, wenn er von "Energie" spricht. Jeder hat eine
Meinung dazu.
Erkennen wir hier nicht die Ironie der Geschichte der modernen Körperpsychotherapie?
Sie kommt, bisher zumindest, selten über das Niveau der Meinung und
des Glaubens in dieser Frage hinaus, vielleicht aufgrund ihres ungeliebten
Erbes. Ich meine das Erbe Wilhelm Reichs. Denn Reich war es, der mit all
seiner Kraft, mit alle seiner Leidenschaft, vielleicht auch mit all seinem
Fanatismus, genau das realisieren wollte: Einen naturwissenschaftlich
integrierten, empirisch nachvollziehbaren Energiebegriff. Was die wissenschaftliche
Anerkennung seines Energiebegriffs betrifft, so hat die (Wissenschafts-)Geschichte,
vorläufig jedenfalls, ihr Urteil gesprochen: Orgon als primordiale
Energie, wie Reich sie definierte, existiert nicht.
Einer Frage sollte sich die moderne Körperpsychotherapie allerdings
stellen: Ist Reichs Energiebegriff ein Hirngespinst, weil es die moderne
Naturwissenschaft so betrachtet? Oder ist es ein Hirngespinst, weil unsere
eigenen Erfahrungen, z.B. als Körperpsychotherapeuten, und unsere
eigenen Nach-Forschungen dies gezeigt haben? Oder ist es ein Hirngespinst
oder Realität, weil es unsere Meinung ist, weil es in unser Weltbild
passt oder nicht passt?
Genau an diesem Punkt fehlt der modernen Körper-Psychotherapie ein
erkennbares Profil, eine gemeinsame Grundlage, möglicherweise, weil
sie es versäumt hat, ihre fatale Vaterübertragung Reich gegenüber
aufzulösen (dieser grandiose Charismatiker macht es einem ja da auch
nicht gerade leicht!). Die Söhne und Töchter verhalten sich
idealisierend oder verteufelnd, was Reich betrifft, in positiver oder
negativer Übertragung halt.
Aber seien wir ehrlich: Wir, die erwachsenen Kinder, haben ihre Übertragungen
nicht wirklich aufgelöst.
Diese Hausaufgaben hat die Körperpsychotherapie m. E. bis heute nicht
gemacht. Hätte sie diese gemacht, dann könnte sie ein differenziertes,
entspanntes und vor allem pragma-tisches Verhältnis zu Wilhelm Reich
als Pionier der Körper-therapie und der Lebensenergieforschung haben.
Vor allem aber wäre sie, was die Frage der Lebensenergie betrifft,
über das Niveau eines diffusen, schwammigen oder einfach nur gläubigen
Energiebegriffs ein wenig hinaus. Denn es gibt Experimente und Versuchanordnungen,
die Reich entworfen hat, oder die man selbst entwerfen könnte, die
durchaus in einem absehbaren Zeitraum für eine Organisation wie die
EABP die Frage nach der Existenz einer Lebensenergie zumindest tendenziell
beantworten könnte. Tun wir das nicht, ignorieren wir das Erbe, dann
verlassen wir das Feld von Erfahrung, Erfahrungswissenschaft und Empirie
und bleiben im Treibsand der Meinungen verloren. Hier greift jeder instinktiv
nach der nächsten Hand, die sich anbietet.
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Auf diese Weise entsteht jenes Phänomen einer
"Lagermentalität", auf die man in dieser Frage schnell
trifft: Wer steht auf welcher Seite? Wer redet mit wem ... oder redet
nicht? Die neue alte Geschichte von Häretikern und Inquisitoren,
mit welchen Konnotationen auch immer, könnte hier schnell eine Neuauflage
erhalten. Das sollte vermieden werden, wenn wir darüber ernsthaft
diskutieren wollen.
Selbst Radiosender
pfeifen es von den Dächern?
Genug der mahnenden Worte. Noch eine persönliche
Bemerkung zum Abschluss. Was auch immer bei dieser Debatte herauskommt,
eines über ihren Zeitpunkt und den Kontext ist eigenartig: Intelligente
Plädoyers zur Abschaffung des Energiebegriffes hat es schon immer
gegeben, das gab es im bei Mesmer (vgl. meinen Artikel "Franz Anton
Mesmer - Pionier der modernen Körperpsychotherapie), bei der Psychoanalyse,
zu Reichs Lebzeiten und schon in den 70er, 80er und 90er Jahren innerhalb
der Körpertherapie. Das ist nun wirklich nicht neu. Doch eines stimmt
mich diesmal nachdenklich: In keiner Phase vorher war die Offenheit und
Toleranz für eine lebensenergetische Interpretation des Körper-Seele-Zusammenwirkens
so ausgeprägt wie heutzutage. Das Wort "Scharlatanerie"
und Schlimmeres kommt, wenn man mit durchschnittlichen Menschen zu tun
hat, nur noch selten jemandem über die Lippen. Es werden keine Bücher
mehr verbrannt, die den Begriff "Orgon" enthalten. Von "Energie",
auch im Sinne einer Lebensenergie, spricht, zumindest sinngemäß,
heute fast jeder. Sogar Radiosender existieren in den Metropolen, die
"Energy" heißen.
Es ist gerade diese konturlose, diffuse, aber dennoch
emotional rationale Kernwahrnehmung einer lebensenergetischen Kraft, die
im gesellschaftlichen Bewusstsein ein historisches Novum der letzten Jahrzehnte
darstellt. Und es ist auch die signifikant gewachsene Akzeptanz im gesellschaftlichen
Bewusstsein des grundlegenden Körper-Seele-Zusammenwirkens, die noch
vor 1-2 Jahrzehnten völlig unvorstellbar war.
Sollten uns solche Veränderungen im gesellschaftlichen
Bewusstsein als Körpertherapeuten nicht eher motivieren, offensiv,
mit Leidenschaft und Überzeugungskraft, sachlich, ohne Fanatismus
und blinde Gefolgsschaft, unser Wissen um die lebensenergetischen Wirkkräfte
"unters Volk" zu bringen? Gerade heute, wo die Bereitschaft,
dieses Wissen anzunehmen, historisch größer ist denn je, da
wollen und sollen wir, sozusagen in zurückeilendem Gehorsam, den
Energiebegriff vorschnell über Bord werfen? Uns anpassen an ein gesellschaftliches
Bewusstsein, das in dieser Verbohrtheit nur noch in den Tunneln und Höhlen
des Tora Bora der akademischen Schulmedizin und Verhaltenspsychotherapie
existiert? Wenn wir die Anerkennung in diesen Höhlen und Tunneln
suchen, dann, bitte sehr, sollten wir den Energiebegriff schleunigst fallen
lassen. Wenn wir nichts zu sagen, zu lehren, zu vermitteln haben über
die Wirkkräfte der Lebensenergie im Körper-Seele-Zusammen-Wirken,
dann, bitte sehr, gehört dieser Begriff auf den berühmten Misthaufen
der Geschichte.
Wissen wir nichts,
haben wir nichts in der Tasche?
Das wäre doch ein Projekt für eine Energiearbeitsgruppe:
Das Wissen, das da ist, und sei es auch noch so banal und selbstverständlich,
dass wir gar nicht mehr merken, dass es existiert, zusammen zu tragen
und in verdaulicher, anschaulicher und offensiver Form zu präsentieren:
Kurzum das Inventar des lebensenergetischen Wissens in der Körperpsychotherapie.
Die Energie-Arbeitsgruppe der EABP-CH hat, wie auch immer die Meinung
zu ihren Resultaten sein mag, eines verdeutlicht: Es ist nötig, schleunigst
über das Stadium der Meinung zu dem des Wissens zu gelangen. Und
sie hat einen Anfang gemacht. Es ist an der Zeit, Inventur zu machen.
Wäre das nicht eine konkrete Aufgabe für
eine Organisation wie die EABP, eine Aufgabe, die sowohl Kritiker als
auch Apologeten eines Lebensenergiebegriffes, Angehörige aller Lager,
Fraktionen, Theoriekreise, Kirchen, Sekten, Verbände, Arbeits- und
Pop-Gruppen dazu motivieren könnte, vom Sand der Meinungen auf den
Boden nachvollziehbaren Wissens zu (er)wachsen?
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