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ISAIAS COSTA:
Psychotherapie und
Wissenschaft
1. Einführung
Vor meiner Ausbildung in Emotionaler Reintegration
war ich über zehn Jahre in den Grundlagen der Physik tätig.
Ich forschte in experimenteller Teilchenphysik und Kosmologie. Kosmologie
kann als ein Laboratorium gesehen werden, wo die wissenschaftlichen Ideen
und Theorien geprüft werden. Das bietet einen radikal neuen Blickwinkel
für die Diskussion der Wissenschaftlichkeit unserer Methode.
In den letzten Jahren wurde diese Diskussion immer präsenter. Dies
ist ohne Zweifel auch durch das riesige Bemühen der Lehrtherapeutinnen
und Lehrtherapeuten des Arbeitskreises, die Behörden von der Qualität
unserer Methode zu überzeugen, angetrieben worden. Die Diskussion
ist allerdings nicht auf diesen Zweck beschränkt, sondern entspricht
einer langen Tradition unseres Vereines. In seinem Artikel "Die drei
Bereiche der Emotionalen Reintegration"1
zum Beispiel betont Peter Bolen, daß die psychotherapeutische wissenschaftliche
Forschung eine der Säulen der ERI ist. In seiner Arbeit von 1993
"Wissenschaft und Liebe"2
betrachtet er das Thema als Reich'sche funktionale Einheit.
In der letzten Ausgabe der Pulsationen spricht Kurt Finger3
über unser Selbstverständnis aus dem Standpunkt der Wissenschaftstheorie.
Und Achim Hofmeister4 bringt sein praktisches
Anliegen ein, daß wir uns um die Dokumentation und Veröffentlichung
unserer Arbeitstätigkeit bemühen.
Die Absicht meiner Arbeit ist zweierlei. Erstens möchte ich in diesem
Artikel der Diskussion der Wissenschaftlichkeit unserer Methode eine weitere
Perspektive geben, indem ich die Tradition dieser Diskussion in der Physik
zu Hilfe nehme. Zweitens finde ich, daß die Diskussion nicht auf
die theoretische Ebene beschränkt werden sollte. Es ist notwendig,
die Funktion in Frage zu stellen, die das Verlangen nach Wissenschaftlichkeit
der therapeutischen Arbeit hat. Was ist nämlich der Sinn der Wissenschaftlichkeit,
auf der Ebene der Beziehungen innerhalb der ERI und der Beziehungen der
ERI mit ihren Gesprächspartnerinnen* ? Was sind die Folgen davon?
Welche Impulse befriedigt die Wissenschaftlichkeit?
Ich danke Achim Hofmeister, der mich zum Schreiben dieses Artikels ermuntert
hat.
2. Wissenschaft und Wirklichkeit
2.1. Dunkel Fälle aus der Geschichte der
Physik
Immer öfter wird die Wissenschaftlichkeit einer
Aussage als Synonym dafür verwendet, daß sie über die
Wirklichkeit spricht, und daß sie wahr ist. Das ist alles andere
als selbstverständlich, und die Geschichte bietet uns zahlreiche
Beispiele dafür.
2.1.1. Eine wissenschaftlich abgelehnte Wirklichkeit
Wir fangen diese Arbeit mit der Erzählung einer Geschichte an, die
uns die "Mutter Natur" geschenkt hat, der Geschichte der Meteoriten5.
Meteoriten sind natürlich schon immer auf die Erde gefallen. Das
erste dokumentierte und erhaltene Exemplar aber datiert von 1492! Davor
wurden sie als eine übernatürliche Erscheinung gedeutet und
die Leute haben mit Angst und religiöser Ehrfurcht reagiert, wenn
sie einen aus dem Himmel fallenden Stein gesehen haben. Alles deutet zum
Beispiel darauf hin, daß der heilige Stein zu Mekka ein Meteorit
ist.
Sogar während des Zeitalters der Aufklärung hatte die wissenschaftliche
Welt solch einen großen Widerstand gegen die Untersuchung von Meteoriten
gehabt, daß viele Exemplare aus Museen und privaten Sammlungen abhanden
gekommen sind. Es war eine unwiderrufliche Tatsache, daß nichts
aus dem Himmel fiel, schon gar nicht Steine. Alle darüber existierenden
Berichte waren daher entweder als Aberglaube oder Betrug eingestuft. Noch
im Jahr 1772 hat zum Beispiel Lavoisier, der berühmte Chemiker der
Pariser Akademie der Wissenschaft, behauptet, es sei physikalisch unmöglich,
daß Steine aus dem Himmel fielen. Die existierenden Exemplare seien
vielmehr irdische Steine, die von einem Blitz getroffen wurden! Ernst
Chladni, ein anerkannter Physiker, war der erste, der mit eigenen Ressourcen
systematische wissenschaftliche Forschung über die Meteoriten betrieben
hat. Seine Arbeit wurde aber einfach ignoriert, er bekam keine finanzielle
Unterstützung, seine Ergebnisse wurden verspottet.
Zu diesem Zeitpunkt wird die wissenschaftliche Welt zu einer Änderung
ihrer Haltung gezwungen: wegen der simplen Tatsache, daß ihr die
Meteoriten buchstäblich auf den Kopf gefallen sind! Am 26. April
1803 gibt es einen gewaltigen Meteoritenschauer in einem Vorort von Paris.
Jean Biot wird von der Pariser Akademie der Wissenschaft entsandt, um
den Fall zu untersuchen. Sein Bericht schließt mit folgenden Worten:
"Es müssen ungefähr dreitausend Steinbrocken gewesen sein,
die heulend und pfeifend herabstürzten ein kosmischer Luftangriff
größten Ausmaßes."
Erst ab diesem Tag sind Meteoriten eine wissenschaftliche Wirklichkeit
geworden.

Abbildung 1: Der Hraschina Meteorit, vom
26. Mai 1751, aus dem Wiener Naturhistorischen Museum, ist erst 1803 wissenschaftlich
"erwiesen" worden.
2.1.2. Eine unwahre wissenschaftliche Tatsache
Am Anfang unseres Jahrhunderts hat die Physik
höchst aufregende Momente erlebt. Das fabelhafte Gebäude mit
den Grundpfeilern Mechanik, Optik, Elektromagnetismus und Thermodynamik,
das gerade durch glänzende Errungenschaften des Jahrhundertendes
fertiggestellt worden war, fing an, Risse in seinem Fundament zu zeigen.
Diese waren von solchem Ausmaß, daß das Einstürzen des
ganzen Gebäudes nicht unmöglich erschien. Der Euphorie über
den Erfolg, die gesamnte Natur erklärt zu haben, folgte das Erstaunen
und die Ehrfurcht über die göttlichen Wunder, wie Atome, Elektronen,
Photonen, X-, N-, a-, b-, g-Strahlen, die Relativitätstheorie und
vieles mehr. Sie waren alle mit Hilfe der traditionellen Physik unerklärbare
Phänomene, die explosionsartig erschienen. Man forschte fieberhaft
und die Wissenschaftlerinnen wurden mit einem Preis nach dem anderen für
diese Entdeckungen gekrönt.
Die Leserin hat sicher von all diesen Wundern gehört. Oder doch nicht?
- Nein, es ist nicht, weil sie einmal die Schule geschwänzt hat,
daß sie die N-Strahlen nicht kennt. Die gibt es nämlich nicht.
Aber sie sind wissenschaftlich bestätigt worden, ihre Eigenschaften
wurden fünf Jahre lang studiert und klassifiziert von vielen Wissenschaftlerinnen6.
Es waren Physikerinnen, Biologinnen, Physiologinnen, Psychologinnen. Alle
Wissenschaftlerinnen ersten Ranges, viele Mitglieder der schon genannten
französischen Akademie der Wissenschaft. Der Lecomte-Preis, die wichtigste
wissenschaftliche Anerkennung Frankreichs, wurde René Blondot als
Folge der Entdeckung der N-Strahlen verliehen. Es sind hunderte wissenschaftliche
Arbeiten in wichtigen Zeitschriften veröffentlicht worden, wie, zum
Beispiel im Comptes Rendus, einer der namhaftesten.
Blondot war ein erfahrener experimenteller Physiker. Er war gerade dabei,
dieselbe Art von Phänomenen zu untersuchen, die Röntgen 1895
zur Entdeckung der X-Strahlen führten. In diesen Studien, die den
Zweck der Vertiefung der Kenntnisse über X-Strahlen hatten, ist er
an eine Reihe von neuen Eigenschaften gestoßen, die unmöglich
X-Strahlen zuzuordnen wären. Folglich glaubte er, der Entdeckung
einer neuen Strahlungsart gegenüberzustehen. Nach zwei Jahren Überprüfung
seiner Ergebnisse war er ausreichend davon überzeugt, um sie 1903
in den Comptes Rendus zu veröffentlichen. Seine Experimente haben
alle wissenschaftlichen Kriterien erfüllt und sind in verschieden
Laboratorien wiederholt worden. Die Ausstrahlung von N-Strahlen durch
den menschlichen Körper und durch lebende und tote Zellen wurde untersucht.
Quellen, Linsen und Prismen wurden entwickelt. Sogar die Spektroskopie
einer solcher Strahlung ist gelungen. Ich wiederhole: einer solchen Strahlung,
die nicht existiert! Ein Prioritätsstreit war der Höhepunkt
der Aufregung. Es gab mindestens zwei weitere Wissenschaftler, die behaupteten,
diese Strahlung einige Jahre vorher unabhängig voneinander beobachtet
zu haben...
Die N-Strahlung hatte allerdings eine Eigenart: Sie konnte in anderen
Ländern nicht beobachtet werden: Wissenschaftlerinnen aus England,
Deutschland und den USA konnten die französischen Ergebnisse nicht
wiederholen (hieß sie vielleicht N von Napoleon?). Ein amerikanischer
Physiker, R. W. Wood, wurde von Kollegen verschiedener Länder dringend
gebeten, nach Nancy zu reisen und persönlich festzustellen, was falsch
reproduziert wurde. Während seines wissenschaftlichen Besuchs gelang
es Wood, in einer Demonstration das Aluminumprisma, das angeblich das
NStrahlungsspektrum erzeugen würde, unauffällig zu entfernen.
Diese "Sabotage" müßte natürlich die erfolgreiche
Durchführung des Experiments verhindern. Blondot und sein Assistent
bemerkten allerdings nichts und bekamen weiterhin die üblichen Ergebnisse.
Wood veröffentlichte anschließend einen Bericht über seinen
Besuch in der englischen(!) Zeitschrift Nature: Somit war bewiesen, daß
es N-Strahlen nicht gibt. Die beobachteten Phänomene waren entweder
kollektive Suggestion, oder hatten irgendeine andere Erklärung.
Es ist wichtig zu betonen, daß es sich hier nicht um die Geschichte
eines Scharlatans oder eines Betruges handelt. Blondot war und blieb ein
angesehener Physiker. Seine Entdeckung war den strengsten wissenschaftlichen
Kriterien unterworfen. Sie ist von unabhängigen Wissenschaftlerinnen
anderer Laboratorien bestätigt worden. Es war sicher eine günstige
psychische Atmosphäre da. Aber es war auch dieselbe Atmosphäre,
die die schnelle Aufdeckung ermöglicht hat... Die Begeisterung hatte
schlicht die Folge, die Lebensdauer dieses Wahrheitszyklus geringer als
sonst zu machen. Während dieses Zyklusses waren die N-Strahlen wissenschaftliche
Wahrheit, mit demselben Wert wie zum Beispiel die Tatsache, daß
die Erde rund ist.
2.1.3. Andere Beispiele
Die Beispiele, die wir gewählt haben, weil sie so klar sind, sind
bei weitem keine seltene Ausnahme. Im Gegenteil, die Geschichte der Wissenschaft
ist voll davon. Wir nennen kurz noch andere Beispiele, nur um diese letzte
Behauptung zu illustrieren:
2.1.3.1. Goethes Farbenlehre
Es ist wahrscheinlich bekannt, daß Johann Wolfgang von Goethe nach
Erscheinen von Isaac Newtons Optik auch eine Farbenlehre verfaßt
hat. Er wurde damals sehr kritisiert, weil er darin gegen einige Ergebnisse
Newtons Stellung genommen hatte. Es sei schade, daß eine Person
der Größe Goethes die Grenzen seiner Kompetenz nicht kenne,
hieß es. Heute wissen wir, das Goethe in vielerlei Dingen recht
hatte: nicht nur sind einige seiner Behauptungen unserem Farbverständnis
viel näher, sondern es ist heute sogar bekannt, daß Newton
Ergebnisse von Experimenten verwendet hatte, die er nie gemacht hat!
Die Farbwahrnehmung ist, zum Beispiel, ein viel komplexeres Phänomen
als die Wellenlänge des Lichtes. Einen faszinierenden Bericht darüber
findet man in Oliver Sachs' "Eine Anthropologin auf dem Mars"7.
Verblüffend ist der Artikel von Edwin Land in Scientific American8,
wo ein Foto mit nur roten und weißen Pigmenten gedruckt ist, dessen
Wahrnehmung aber völlig bunt ist: eine gelbe Zitrone und ein grüner
Paprika haben eindeutig die richtige Farbe!
2.1.3.2. Galileos Prozeß
Auch der Prozeß der Inquisition gegen Galileo Galilei ist sehr bekannt.
Er wird allerdings öfters reduziert auf eine Auseinandersetzung zwischen
Helio- und Geozentrismus. Dies war aber nicht das, was auf dem Spiel stand.
Die Inquisition hatte den Wissenschaftler in Ruhe gelassen, solange die
Auseinandersetzung akademisch blieb, solange sie eine Frage der wissenschaftlichen
Wahrheit war. Das Problem begann, als Galileo behauptete, über die
Wirklichkeit zu sprechen. Die Wirklichkeit, alle wußten es, konnte
nur durch Theologie und den Glauben erkannt werden9.
2.1.3.3. Die Geschichte von Keplers Diebstahl
Johannes Kepler wird vielfach als ein Genie betrachtet. Sein größtes
wissenschaftliches Werk allerdings war der Diebstahl des Notizbuches von
Tycho Brahe. Brahes Eintragungen waren dermaßen präzise, daß
sie bis heute, in der Zeit des Weltraumobservatoriums, noch Verwendung
in der wissenschaftlichen Spitzenforschung finden. So genau und ausführlich
waren diese Beobachtungen, daß er ein Genie sein mußte, um
nicht auf die drei heute nach ihm benannten Gesetze zu kommen. Und abgesehen
von diesen drei Gesetzen ist Keplers Werk irrelevant.
Wir könnten so fortfahren, stundenlang, einen
Fall nach dem anderen erzählen, wo die scheinbare Objektivität,
Neutralität und Universalität der Wissenschaft aufgedeckt wird
und ihre Geschichte immer mehr einer "Soap Opera" gleichkommt.
Die Geschichte der Wissenschaft ist nichts anderes als die Geschichte
der Wissenschaftler (und der wenigen weiblichen Wissenschaftlerinnen)
und, wie von uns allen, ist sie eine Geschichte von Allüren, Eifersüchteleien,
Irrtümern, aber auch eine Geschichte von Liebe, Großzügigkeit
und Hoffnung.
2.2. Der Wahrheitsgehalt einer wissenschaftlichen
Theorie
Nachdem wir diese unglaublichen Geschichten erzählt
haben, wo bleibt unser Glaube an die wissenschaftliche Wahrheit? Warum
glauben wir, daß die Erde rund ist? Warum ist die Wissenschaft so
mächtig?
2.2.1. Jede Theorie findet
in der Wirklichkeit ein Modell
Denke an etwas.
Satz: - Es ist möglich zu behaupten, daß es einen Teilbereich
der Wirklichkeit gibt, den dieser Gedanke genau beschreibt!
Dieser Satz der Wissenschaftstheorie stellt unsere Wertauffassung auf
den Kopf. Er zeigt, daß eine Theorie nicht mehr oder weniger wahr
ist als eine andere. Was man bestenfalls sagen kann ist, daß sie
auf diesen Teil der Wirklichkeit mehr oder weniger paßt.
Es ist genau so: Die Erde ist nicht rund! Diese Theorie ist nur besser
geeignet, ökonomischer und wirksamer, um unsere Beobachtungen zu
erklären. Eine flache Erde zum Beispiel in einer nicht-kartesischen
Geometrie ergibt genau dieselben beobachtbaren Effekte, wie eine sphärische
Erde in einem flachen Raum. Ja, sogar das schöne Satellitenfoto von
der Erde in der Abbildung 2 ist kein Beweis dafür, daß die
Erde rund ist. In der komplizierten nichtkartesischen Geometrie bewegen
sich die Lichtstrahlen nämlich nicht geradlinig, was die scheinbare
Scheibenform der Erde erklärt. In dieser Geometrie ist das Foto ein
Beweis eben für die Krümmung des Raumes! Es ist mathematisch
unmöglich, sich ein Experiment auszudenken, das erlaubt, zwischen
diesen zwei Theorien zu entscheiden.

Abbildung 2: Die flache unendliche Erde
im gekrümmten nicht-kartesischen Raum
Es ist nicht möglich, wissenschaftlich zu entscheiden,
ob es die Erde ist, die sich um die Sonne dreht, oder die Sonne um die
Erde. Der Heliozentrismus ist nur viel eleganter. Galileo war kein Ketzer,
weil er die Wissenschaft verleugnet hat, er hat sich selbst schlicht nicht
allzu ernst genommen. Damit hat er bewiesen, eine viel klarere Sicht der
Wissenschaft zu haben als viele seiner damaligen (und heutigen) Kolleginnen.
2.2.2. Historisches Durchsetzungsvermögen
Das, was macht, daß eine wissenschaftliche Theorie sich über
ihre Konkurrentin behauptet, ist einfach die unabänderliche historische
Tatsache, daß die Verfechter der abgelehnten Theorie allmählich
aussterben.
Dieses ist ein berühmtes Zitat, manchmal auf James Clerk Maxwell,
manchmal auf Max Planck, manchmal auf Albert Einstein zurückgeführt,
das aber jedenfalls sehr gut die Umstände beschreibt, in denen sich
Einstein in seinem berüchtigten Duell mit Niels Bohr befunden hat.10
Einstein versuchte damals die Quantenphysik zu widerlegen. Die große
Mehrheit der Physikerinnen hatte sie schon angenommen und sich nicht einmal
die Mühe gemacht, das zu diskutieren. Aber für den Gründer
der Kopenhagener Deutung der Quantenphysik, Bohr, war es eine Ehrensache,
auch Einstein davon zu überzeugen. Es war ein harter Kampf, jeder
dieser Riesen verwendete Argumente, die sowohl raffiniert als auch mächtig
waren. Im letzten Gefecht hat Bohr das Lieblingskind Einsteins, die Allgemeine
Relativitätstheorie verwendet, um ein geniales Argument gegen die
Quantenphysik zu entkräften. Diese Erniedrigung, die noch dazu öffentlich
- während eines Kongresses - passiert ist, war der Gnadenschuß,
der Einstein zum Schweigen gebracht hat. Nach diesem Ereignis ist die
Quantenphysik nicht mehr als eine Hypothese gesehen worden, sondern wurde
von allen Physikerinnen als Wirklichkeit angenommen - sie wurde zu einer
"wissenschaftlichen Wahrheit".
Beispiele von wissenschaftlichen Theorien, die beiseite gelassen wurden,
sind unzählig, nicht weil sie sich als falsch erwiesen haben, sondern
einfach, weil ihre Verfechter gestorben sind, oder weil sie nicht mehr
daran geglaubt haben, oder weil sie sich einfach nicht mehr darum gekümmert
haben... Wenn es niemanden gibt, der sie denkt, sterben sogar die Götter.
Aus diesem Grund ist die tägliche Aufgabe einer Wissenschaftlerin,
abgesehen davon, die Widerspruchsfreiheit und die Falsifizierbarkeit ihre
Theorien zu beweisen, mit ihren Kolleginnen zu plaudern, sie davon zu
überzeugen, daß sie recht hat, die anderen zu begeistern, so
daß auch sie in dieselbe Richtung zu forschen beginnen und aus ihren
Theorien wissenschaftliche Wahrheit machen. Es ist in diesem Sinne, daß
Herbert Pietschmann5 über Intersubjektivität als wissenschaftliches
Kriterium spricht: Die wissenschaftliche Richtigkeit ist nicht objektiv,
sondern intersubjektiv. Das heißt, eine wissenschaftliche Theorie
wird als richtig bezeichnet, wenn eine genügend große Anzahl
von Fachgenossinnen von ihr überzeugt ist. Ich betone: Pietschmann
spricht hier aus dem Standpunkt eines international anerkannten Physikers.
Es handelt sich nicht um ein paar gekränkte Therapeutchen, die über
den Beirat sprechen!
2.2.3. Politische Stärke
Dies bringt uns zum Schluß, daß die ganze wissenschaftliche
Frage viel mehr zum politischen als zum philosophischen Umfeld gehört.
So wie wir es in der österreichischen und internationalen Psychotherapieszene
zugehen11 gesehen haben, ist in Wirklichkeit
die Art, wie Wissenschaft immer schon angefertigt wurde. Hier hat eine
Reihe von Gruppierungen einen politischen Raum besetzt, von dem aus sie
die Wissenschaftlichkeit ihrer Methode verkünden können. Ist
dies einmal geschehen, sind sie diejenigen, die über die Wissenschaftlichkeit
der anderen Gruppierungen entscheiden, das heißt, ob sie in den
Klub aufgenommen werden oder nicht. Historisch gesehen sind diese Personen
nicht aufgrund eines objektiven, wissenschaftlichen Kriteriums in diesen
Foren, sondern einfach als Folge geschichtlicher Gelegenheit, politischer
Kraft, persönlichen Einsatzes. Wenn wir die wären, die dort
säßen, wären wir auch diejenigen, die über die Wissenschaftlichkeit
anderer zu entscheiden hätten - und wir würden sie vielleicht
ablehnen! Und das mit genau derselben wissenschaftlichen Objektivität
(beziehungsweise genau demselben Mangel daran).
Wir können diese Schlußfolgerungen noch weiter ziehen. Ich
erstelle hier einige Thesen, die gut verteidigt werden können, was
aber weit über diesen Artikel hinaus reichen würde. Ich benenne
sie nur mit dem Zweck, ein Beispiel zu geben, was heute in Philosophie
der Wissenschaft gedacht wird.
Es gibt keine Entdeckung, alles ist Erfindung. Alles kann erfunden werden,
wenn nur genug Geld zur Verfügung steht. Macht erzeugt Wissenschaft,
Wissenschaft erzeugt Macht.
2.3. Eine Geschichte der Wissenschaft
Wenn die Wissenschaft nun nicht in der Lage ist, die
Wahrheit zu entdecken, wieso hat sie dann die privilegierte Stellung eingenommen,
die sie heute in unserer Kultur besitzt? Um das zu verstehen, müssen
wir einen kurzen Blick in die Geschichte der Kultur, in der sie sich befindet,
in die Geschichte des abendländischen Denkens12,
werfen.
2.3.1. Logos, Physis und die Vorsokratiker
Die Geschichte, die ich erzählen will, beginnt bei den Altgriechen
in der Zeit, als die griechische Sprache geschaffen wurde, als das Denken
begonnen hat, gedacht zu werden. Zu der Zeit waren die Denker über
die Macht des Wortes erstaunt. Heraklit versuchte, es mit dem Begriff
"Logos" auszudrücken. Parmenides war von der "Physis"
fasziniert. Viel später erst wurden sie durch die starren Begriffe
"Wort" und "Natur" übersetzt. Damals waren es
noch sehr lebendige Begriffe, enthielten die ganze Dynamik des Austausches
zwischen dem Denken und der Natur, zwischen "ich, die denkt"
und der "Welt", zwischen "Subjekt" und "Objekt".
Zu dieser Zeit war der Ausdruck Heraklits "alles fließt"
noch selbstverständlich. Sein und Nicht-Sein bildeten eine lebende
Einheit, die sich immer veränderte, wie ein fließender Fluß.
2.3.2. Die Sophisten
Dieser Fluß ist allerdings langsam zäh geworden, erfroren.
Die Extreme haben sich allmählich getrennt, die Logik hat sich durchgesetzt,
der Widerspruch ist aus dem Denken vertrieben worden. Das Wort war dabei,
die Natur einzufangen.
Da haben sich die Sophisten herumgetrieben. Sie haben versucht zu verkünden,
daß es unmöglich sei, die Welt (Physis) zu erklären (Logos).
Sie waren die ersten "Terroristen", weil ihre Sophismen eine
echte Sabotage waren. Die Philosophen versuchten, die Wirklichkeit logisch
zu erklären. Die Sophisten haben sie nachgeahmt und haben auch Zusammenhänge
logisch erklärt. Ein Beispiel:
Alles, was rar ist, ist teuer.
Ein gutes billige Pferd ist rar.
Daher ist ein gutes billige Pferd teuer.
Ihre Schlußfolgerungen waren offensichtlich anders als die Wirklichkeit.
Somit haben sie angekündigt, daß die "guten" Schlußfolgerungen,
also die der Philosophen, genauso auch eine Verfälschung der Wirklichkeit
waren.
2.3.3. Plato, Aristoteles
und die Geburt der Wissenschaft
Die Sophisten verloren jedoch den Kampf, und die Trennung zwischen Wort
und Natur, Subjekt und Objekt wurde fortgesetzt. Mit dem Werk Platos und
Aristoteles ist der Widerspruch endlich aus dem Denken vertrieben. Es
entstehen die Logik und die Physik, Disziplinen, die das Denken und die
Natur beschreiben, jetzt wirklich ohne Widersprüche oder Mehrdeutigkeit.
Unmöglich gedacht zu werden zu Zeiten Heraklits, werden sie in den
Höhepunkt des abendländischen Denkens, in die Wissenschaft,
münden.
2.3.4. Das politische Programm Galileos
Das ganze aristotelische Denken wird in einer extrem klaren Art reduziert
und auf die Spitze getrieben im Arbeitsprogramm Galileos:
"Messen, was meßbar ist;
Meßbar machen, was nicht meßbar ist!"
Unser Denken ist schon dermaßen korrumpiert, daß wir uns nicht
über dieses Programm entsetzen, das treuestens von allen Wissenschaftlerinnen
befolgt wird, von diesen Priesterinnen aller modernen Regierungen. Alles
messen bedeutet, auch die Liebe messen, auch meine Liebe zu meiner Frau!
- Das lasse ich mir nicht gefallen!
Tatsächlich ist diese die unhaltbare Entwicklung der Wissenschaft:
Jedes Mal erweitert sie ihren Landstrich, jedes Mal verstärkt sie
ihre Herrschaft. Diese ist in der Tat die einzige Möglichkeit, den
Widerspruch fernzuhalten.
Peter Bolen sagt in seinem Artikel "Wissenschaft und Liebe"2:
"Männliche Wissenschaft muß also Distanz zwischen ...
Subjekt und ... Objekt bringen. [Sie] herrscht über die Natur".
2.3.5. Die Wechselwirkung
mit anderen Denksystemen
Die Wechselwirkung mit anderen Denksystemen ist ein
unausgeglichener kultureller Kampf. Galileos Anweisung zwingt uns, bei
jeder Auseinandersetzung mit einer anderen Kultur, sie zu vereinnahmen,
zu "verwissen-schaftlichen". Dies findet auf einer symbolischen,
abstrakten Ebene statt, falls der Widerstand schwach ist (wie, zum Beispiel,
bei der Christianisierung der brasilianischen Indianer und in der
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Okzidentalisierung
Japans). Andernfalls wird es wirklich Krieg bedeuten, wie bei den Gemetzeln
der mittel- und nordamerikanischen Indianer. Der Ausschluß anderer
Denksysteme wird wörtlich durchgeführt. Das bedeutet Völkervernichtung
unter dem Vorwand, sie zu christianisieren, den wissenschaftlichen Fortschritt
zu erzwingen. Und dies wurde noch in unserem Jahrhundert betrieben, zum
Beispiel im Falle der Chinesischen Kulturrevolution.
3. Die Krise der Wissenschaft
Wenn unser Jahrhundert nun das Jahrhundert der Krönung
der Wissenschaft ist, ist es zugleich das Jahrhundert des Widerspruchs
innerhalb der Wissenschaft. Die Wissenschaft entdeckt langsam ihr Stigma,
sie sieht sich aber zugleich in ihrem Schicksal eingefangen. Das ist das
Jahrhundert des Paradigmenwechsels, des Selbstbezuges, der Krise der Wissenschaft.
Diese Krise des wissenschaftlichen Denkmodells kann sehr gut in einem
Beispiel der modernen Physik gesehen werden. In der Welt des sehr Kleinen
kann man unmöglich etwas beobachten ohne das Ganze beträchtlich
zu stören. Und das ist nicht eine Frage der Technologie, so daß
wir es irgendwann noch schaffen würden, sondern es gehört zur
Natur der mikroskopischen Welt. Eine Unterscheidung zwischen Objekt (das
zu messende Teilchen) und Subjekt (die Meßsonde) ist nicht möglich.
Dieser Tatbestand kann sich auch in der Unmöglichkeit ausdrücken,
festzustellen, ob zum Beispiel ein Elektron ein Teilchen oder eine Welle
ist.
Die Physik des Anfangs des Jahrhunderts befand sich daher vor einem riesigen
Widerspruch, der die gesamte philosophische Welt bedrohte. Es bedurfte
eines gewaltigen Umdenkens, um diesen inneren Widerspruch zu lösen.
Die Begriffe Teilchen und Wellen werden durch einen neuen ersetzt, die
Wellenfunktion. Diese benimmt sich unter gewissen Umständen als Teilchen
und unter anderen Bedingungen als Welle. Im allgemeinen ist sie aber eben
eine neue Erscheinung, die ganz andere Eigenschaften hat. Auf den ersten
Blick scheint der Wissenschaft das Lösen des Gordischen Knotens gelungen
zu sein. Sie hätte in einem Griff sogar den Urwiderspruch zwischen
Subjekt und Objekt erklärt, nicht nur weggeschoben, sondern wirklich
erklärt. Allerdings passiert dies nur bei oberflächlicher Betrachtung.
Die Wellenfunktion ist ein objektives Faktum, sie ist in der Tat die best
bemessene Größe der Wissenschaftsgeschichte. Und dies ohne
irgendeine Mehrdeutigkeit!
Wir kommen also zurück zum Anfang. Der Widerspruch kann nicht erklärt
werden, er kann nur weggeschoben werden. Er ist aber allgegenwärtig:
Die Wissenschaft ist in Krise und ihre Krise ist unüberwindbar!
3.1. Sprache und Wissenschaft
Warum ist die Krise unüberwindbar? Warum können
wir nicht, wenn wir schon den Bankrott des wissenschaftlichen Programms
erkennen, es einfach zurücklassen, etwas anderes als Wissenschaft
denken?
Das Problem liegt darin, daß der Denkakt mit Wörtern erfolgt,
in einer Sprache, die nichts anderes ist, als das aktualisierte Erbe des
Altgriechischen. In unserer eigenen Sprache ist das wissenschaftliche
Denken eingebaut. Das eigentliche Wort "Denken" trägt unsere
ganze Kultur in sich, ist nur innerhalb unserer - wissenschaftlichen -
Kultur möglich.
Jedes Denken ist also, streng gesprochen, wissenschaftlich.
Das, was im Kopf von Personen anderer Kulturen passiert, wie in dem eines
Zenmeisters, ist nicht Denken und daher können wir es nicht verstehen,
ohne es uns anzueignen, ohne ihm unsere Dualität aufzuzwingen. Hier
sieht man noch eine Anwendung des Staemmler-Bock-Energiemodels13.
Peter Bolen erklärt dieses Model öfters anhand des Beispiels
eines Zenmeisters. Der Lehrling befindet sich in der Dualitätsphase,
wenn der Meister ihm einen Koan gibt. Jedes Mal, wenn er ihn versteht,
erweitert er nur den Anwendungsbereich des Koans. Die Dualität wird
schließlich allumfassend, der Widerspruch kann nicht mehr vermieden
werden. Es kommt zu einer Implosion und anschließend einer Explosion.
Diese halten nur Sekundenbruchteile an. Während dieser Zeit, hört
der Lehrling auf, das Problem zu denken, und somit befreit er sich davon.
Das ist der Grund, warum Unterfangen, wie das vom "Tao der Physik"14,
wo versucht wird, Begriffe wie Yin/Yang wissenschaftlich zu erklären,
von vornherein zum Scheitern verurteilt sind: da sie "in griechisch"
gedacht werden, können sie nicht mehr als die Verwissenschaftlichung
ihres Gegenstandes erreichen, und somit alles, was dort neu war, gleichzeitig
verlieren. Der gleichen Gefahr ist die Psychotherapie ausgesetzt. Jedes
Mal, wo wir sie zu einem wissenschaftlichen Begriff reduzieren, verlieren
wir alles, was es dort lebendig, pulsierend gegeben hat. Unsere Absicht,
wenn wir unsere Arbeitstätigkeit wissenschaftlich diskutieren, darf
daher nicht sein, die Therapie zu objektivieren, sie meßbar zu machen,
zu quantifizieren.
3.2. Symbolische Sprachen
Was können wir machen, um die Krise der Wissenschaft
zu überwinden, wenn wir es nicht denkend tun können?
Es gibt Sprachen, die sich nicht für den wissenschaftlichen Feldzug
eignen. Es sind Bastarde unserer Kultur, ausgegrenzt und verleumdet. Aber
mit welcher Stärke!
Schauen wir uns einige Beispiele an:
3.2.1. Tarot
In der Ausbildung in Emotionaler Reintegration verwenden wir Tarotkarten
als Gestaltelement. Die große Wirksamkeit dieser Methode liegt an
der Vollständigkeit des archetypischen Systems, das Jahrtausende
lang entwickelt wurde. In dieser Methode ist auch sehr klar, wieso das
Tarot eine symbolische, nicht-logische Sprache ist, die in sich Mehrdeutigkeit,
Widerspruch und eine ganze Reihe von Emotionen beherbergt.
3.2.2. Astrologie
In der gleichen Weise verwendet die Astrologie, wenn sie seriös betrieben
wird, auch eine symbolische Sprache, zusammen mit einem vollständigen
archetypischen System, um im Austausch mit der Klientin eine erstaunlich
genaue Beschreibung ihrer Persönlichkeit zu ermöglichen.
3.2.3. Bachblüten
Ein anderes Beispiel, das moderner und deswegen zugänglicher ist,
auch wenn es noch nicht durch die Jahrtausende verfeinert wurde, liefern
die Bachblüten. Jede Essenz ist gewissen Symbolen zugeordnet, die
bestimmten Charakterpanzern ihrerseits zugeordnet sind. Beabsichtigt ist
die Identifikation der Klientin mit diesen Elementen. Die Aufmerksamkeit
der Klientin wird auf den energetischen Stau gerichtet, und die Selbstregulation
kann wieder einsetzen.
3.3. Emotionen und Körpergefühle
Emotionen und Körpergefühle sind zwei Dimensionen
des menschlichen Daseins, die in sich nicht zu verwissenschaftlichen sind:
Emotionen oder Körpergefühle wissenschaftlich zu erklären
bedeutet soviel, wie das Denken biologisch zu erklären: es ist ein
Widerspruch in Wörtern.
Was ist ein Widerspruch in Wörtern? Betrachten wir den Satz: "dieser
Satz ist falsch". Es ist unmöglich zu entscheiden, ob er richtig
oder falsch ist, da er, wenn er richtig ist, falsch und wenn er falsch
ist, richtig ist. Diese Selbstbezüge sind die großen Feinde
der Wissenschaft, und die erste Aufgabe einer Wissenschaftlerin ist es,
sich zu vergewissern, daß ihre Theorien frei von dieser Plage sind.
Ihr Wahrheitsgehalt ist null. Immer, wenn es uns gelingt, eine Aussage
auf einen Widerspruch in Wörtern zurückzuführen, beweisen
wir, daß diese Aussage nichts besagt.
Das Denken zu erklären bedeutet, zu erklären, warum ich dieses
und nicht jenes gedacht habe, bedeutet, daß das, was ich gedacht
habe, nicht richtig oder falsch ist, sondern nur eine biologische Folge
gewisser Gesetze, die von meinem Willen unabhängig sind. Insbesondere
hat dieser Gedanke, den wir hier anführen, keinen Wahrheitsgehalt
und ist somit ein Widerspruch in Wörtern. Das heißt: zu behaupten,
daß ich das Denken erklärt habe, ist dasselbe wie zu sagen:
"dieser Satz ist falsch", was dasselbe ist, wie nichts zu sagen.
Aus genau demselben Grund, kann ich Emotionen und Körpergefühle
nicht erklären.
Die Beschäftigung unseres Diskurses mit diesen Themen - die Emotionen
und Körpergefühle - hat als Folge das Verdrängen der wissenschaftlichen
Methode. Es ist ein Akt wissenschaftlicher Sabotage.
3.4. Die Körperpsychotherapie
zeigt die Wissenschaftlichkeit an
Die Psychotherapie - und insbesondere die Körperpsychotherapie
-, bevor sie als ein Stoff gesehen wird, dessen Wissenschaftlichkeit es
noch zu beweisen gilt, soll viel mehr als eine Enthüllerin, eine
Anklägerin der Wissenschaftlichkeit selbst betrachtet werden. Und
mehr: sie verweist die Wissenschaftlichkeit nicht nur als Mittel, mit
der Wirklichkeit umzugehen, sondern auch als kulturelle Erscheinung selbst.
Unter diesem Blickwinkel befindet sich die Psychotherapie auf derselben
hierarchischen Ebene wie die Wissenschaft. Artikel, Bestrebungen, die
Wissenschaftlichkeit der Psychotherapie zu diskutieren, bekommen eine
ganz andere Perspektive. Es geht hier um die Suche nach einer Überlappung,
nach Gemeinsamkeiten, und nicht um den Beweis einer Unterordnungs- oder
Zugehörigkeitsbeziehung.
Wir beanstanden der Wissenschaftlichkeit nicht durch Erstellung von neuen,
mächtigen oder geschickten Theorien. Es wäre eine aussichtslose
Bestrebung, in der wir uns schließlich wieder am Ausgangspunkt befinden
würden. Die Überwindung der Krise kann ja nicht gedacht werden.
Was wir tun - jede von uns in ihrem Alltag -, ist eben nicht Theorie,
sondern Therapie. Es ist zunächst nicht "anschauen" (qewre¢w),
sondern grundsätzlich "da sein" (qerapeu¢w, griechisches
Wort, das durch folgende Begriffe übersetzt werden kann: beHANDdeln,
den Körper putzen, heilen, aber auch besorgen, dienen, verehren,
den Hof machen(!), begleiten).
Therapie besteht nicht darin, die psychische Organisation der Klientin
zu denken, oder etwas ähnliches. Es handelt sich viel mehr um eine
Wechselwirkung zweier Subjekte. Siehe dazu den Artikel von Kurt Finger
in der letzten Ausgabe der PULSATIONEN3. Auf diese Weise verliert die
dialektische Beziehung zwischen Subjektivität und Objektivität
ihren theoretischen Platz und kommt zu der Ebene der Wirklichkeit des
Dialogs zweier Personen. Personen, die über sich sprechen, sich anschauen,
sich berühren, und daher zugleich Objekte sind. Mit der ganzen Spannung
des ursprünglichen "Logos" von Heraklit. Es ist hier Platz
für soviel Widerspruch, wie man nur will!
Anders als die Wissenschaft, hat die Therapie nicht das Bestreben neutral
zu sein. Therapie ist nicht die Wechselwirkung zweier Subjekte, die unbeteiligt
sind, sondern die Subjekte berühren sich in den unterschiedlichsten
Ebenen ihrer Existenz: sie berühren sich körperlich und erregen
dabei alle unmeßbaren elektrischen Impulse, die die zwei biologischen
Organismen beherrschen. Sie berühren sich emotionell, und verursachen
eine endlose Reihe von Übertragungen und Gegenübertragungen.
Sie berühren sich existentiell, indem sie ihre Lebenswege zusammen
bringen und wieder trennen. Siehe dazu den schon erwähnten Artikel
von Peter Bolen2.
Eine Verallgemeinerung der therapeutischen Beziehung ist schließlich
nicht möglich. Jede Klientin und jede Therapeutin bilden ein einzigartiges
Paar, das, je tiefer es in die Beziehung geht, sich umso mehr von allen
anderen unterscheidet. In der Tat ist unser ganzes theoretisches Wissen
über den therapeutischen Prozeß nur am Anfang einer Therapie
als grober Wegweiser nutzbar. Mit dem Verlauf der Therapie wird die Methode
immer weniger wichtig, davon bleibt am Ende nur noch die Haltung gegenüber
der Klientin und ihrem Prozeß. Gelotst von der Theorie zwar, aber
in einer viel tieferen existentiellen Ebene.
Wir können hier noch lange fortsetzen und Aspekte der Therapie benennen,
die nicht in der Wissenschaft eingeschlossen sind, die die Wissenschaft
herausfordern, und die einen Weg aus der Wissenschaft hinaus zeigen. In
diesem Sinne bietet die Therapie eine Lösung - in der psychotherapeutischen
Auffassung des Wortes - für die Krise der Wissenschaft.
Die körperpsychotherapeutische Tätigkeit und ihre theoretische
Auseinandersetzung sind das Originellste, was es im abendländischen
Denken gibt.
4. Psychotherapie und Wissenschaft
Im letzten Kapitel haben wir uns die Wichtigkeit der
Therapie für die Wissenschaft angeschaut. Wir betrachten jetzt das
Gegenteil: die Bedeutung der Wissenschaft für die Therapie. Aber
wenn die Wissenschaft keine Wahrheit erschafft, den Widerspruch nicht
verhindert, warum sie dann nicht einfach ignorieren?
Wir haben schon erklärt, warum das unmöglich wäre. Es wäre
eine Falle mit dem Zweck uns ganz ruhig in den Kern der Wissenschaft zu
stellen. Aber es gibt wesentlich gewichtigere Gründe als diesen.
Die Psychotherapie hat von einer Auseinandersetzung mit der Wissenschaft
viel zu profitieren!
Der Grundgedanke ist die Tatsache, daß wir nicht isoliert sind,
sondern in einer kulturellen Umwelt eingebettet. Diese Umwelt ist im wesentlichen
wissenschaftlich. Die Folge ist, daß wir in allen Ebenen unserer
Auseinandersetzung mit ihr eine wissenschaftliche Haltung haben müssen.
Daher führen wir den Dialog aus rein pragmatischem Grund.
4.1. Die verschiedenen Ebenen der Auseinandersetzung
4.1.1. Dialog mit den Kolleginnen
Betrachten wir zuerst die gesellschaftliche Ebene. In der Ausführung
des Dialogs, sei es mit Kolleginnen unseres Vereins, anderer Schulen oder
verwandter Gebiete, müssen wir eine gemeinsame Sprache verwenden.
Eine Sprache, die mir erlaubt genau zu verstehen, was eine Kollegin, die
vollkommen unterschiedliche Erfahrungen, Erlebnisse und Voraussetzungen
hat als ich, mir sagen will. Es ist außerdem sehr nützlich
- unter dem Kriterium der Wissenschaftlichkeit - Arbeiten sofort ablegen
zu können, mit welchen eine Auseinandersetzung reine Zeitverschwendung
wäre, weil sie schlampig oder widersprüchlich sind.
Mit anderen Worten: wir brauchen die Allgemeinheit, die Genauigkeit und
die Falsifizierbarkeit der Wissenschaft, damit der Austausch mit Kolleginnen
der ergiebigste ist.
4.1.2. Reflexion der Therapeutin
Aber nicht nur im Wissensaustausch ist die Wissenschaft brauchbar. Auch
auf der Ebenen unseres eigenen Diskurses, der theoretischen Auseinandersetzung
mit unserer therapeutischen Tätigkeit. Denn, wenn es schon notwendig
ist, zu denken, und wenn das Denken unvermeidlich wissenschaftlich ist,
ist die Frage, die sich stellt, wenn ich meine Tätigkeit reflektiere,
nicht, ob ich es wissenschaftlich betreibe, sondern ob ich gute oder schlechte
Wissenschaft betreibe.
Die theoretische Auseinandersetzung mit der therapeutischen Tätigkeit
ist notwendigerweise wissenschaftlich. Je mehr wissenschaftliches Werkzeug
ich zur Verfügung habe, um über diese Tätigkeit zu denken,
umso besser kann meine Auseinandersetzung sein, desto mehr werde ich erfinden
können.
4.1.3. Autonomisierung
der Klientin
In derselben Weise gibt es einen Platz für die Wissenschaft innerhalb
der therapeutischen Praxis. Eines der wesentlichen Elemente des psychotherapeutischen
Prozesses ist das kognitive Erfassen ihrer Geschichte seitens der Klientin.
Dieses Verstehen kann zu einem ersten Zeitpunkt zwar primitiv sein - dem
Regressionsalter der Klientin entsprechend - soll aber, mit der Progression
der Therapie, immer mehr der aktuellen kulturellen Umwelt der Klientin
angepaßt sein. Das heißt, die Klientin in ihrem Autonomisierungsvorgang,
wird ihre Geschichte und ihre aktuellen Beziehungen immer mehr in einer
erwachsenen Weise betrachten. Das hat die Fähigkeit zur Folge, sich
mit ihrer Umwelt adäquat auseinanderzusetzen, was oft bedeutet, in
einer wissenschaftlichen Umwelt wissenschaftlich zu handeln.
Dies ist natürlich nicht alles: die Klientin wird in ihrem Autonomwerden
auch die anderen Dimensionen ihres Lebens - nämlich spirituelle,
emotionelle und körperliche - entdecken, erleben und entfalten. Und
auch hier wird sie eine adäquate erwachsene Ausdrucksweise finden
müssen.
4.2. Die Intensität des Dialogs
Wir haben mögliche Dimensionen des Austausches
betrachtet. Aber auch das Ausmaß kann unterschiedlich sein. Wir
erkennen zwei Extreme: Die Einverleibung und die Sektenbildung.
4.2.1. Die Gefahr der Kooptation
Es ist das, was derzeit mit einigen Psychotherapieschulen passiert. Es
kommt zu einem Punkt, wo die Sorge um die Wissenschaftlichkeit so groß
wird, daß das Erleben praktisch aus der Arbeit verschwindet. Die
Therapeutin weiß alles, und das, was sie nicht weiß, lernt
sie. Die Klientin wird zu einer Patientin erniedrigt, ein Lernobjekt und,
wenn sie Glück hat (weil sie dann mehr Zuwendung von der Therapeutin
bekommen würde), zum Thema einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit.
Unsere wissenschaftlich orientierte Gesellschaft belohnt die Unterwerfung
königlich. Es sind Schulen und Professorinnen aus genau dieser Richtung,
die finanziell am besten etabliert sind. Sie sind in den Universitäten
vertreten, sie haben eine gewichtige Stimme in den Berufsvertretungen.
4.2.2. Die Gefahr des Sektarismus
Der andere Extrem ist leider der Weg, den allzu oft von der Körperpsychotherapie
begangen wird (siehe dazu den Artikel von David Boadella in dieser Ausgabe
der PULSATIONEN11). Dem Erleben wird so viel Bedeutung beigemessen, daß
wir keine Zeit "verlieren" mit der theoretischen Diskussion
unseres Handelns. Dies führt uns unweigerlich zu zwei Katastrophen:
1. Zu Kunstfehlern, die immer gravierender werden;
2. Und, auf der anderen Seite, zu einer Ausschließung aus der Gesellschaft
von Kolleginnen anderer Schulen.
Sektenbildung betrifft alle: Lehrerinnen, Schülerinnen und Klientinnen.
Die Gegenwirkung der Ausschließung ist die Verbindung gegen die
anderen, ein Zaubertrank, der uns eine Zeit lang ernährt, der aber
große Suchtwirkung besitzt. Es ist sehr schwer, zu gesunden Ernährungsgewohnheiten
zurückzukommen.
4.3. Till Eulenspiegel und das Lustprinzip
Das richtige Maß für den Dialog, das heißt,
für das Ausmaß des wissenschaftlichen Nachdenkens über
den therapeutischen Prozeß, sei es individuell oder mit anderen
Kolleginnen, sollte vom Lustprinzip bestimmt werden. Für jede Therapeutin
ist es anders und die Therapeutin muß Verantwortung für ihre
Entscheidung tragen. Diese Wahl sollte bewußt und frei erfolgen.
Einfach gesagt scheint es jedoch unmöglich, das - höchst instabile
- Gleichgewicht zwischen Einverleibung und Sektenbildung zu finden.
Auf diese Weise bringt uns der Dialog mit der Wissenschaft in eine sehr
heikle Lage: Einerseits ist es unmöglich, ihn zu vermeiden, und er
ist unentbehrlich für unsere Arbeit. Andererseits müssen wir
ihn jedoch stets aufkündigen, da uns die schlechten Manieren der
Wissenschaft bewußt sind, alles meßbar zu machen, was nicht
meßbar ist.
Meiner Ansicht nach wurde uns die Lösung historisch von den Hofnarren
vorgeführt. Was ein Till Eulenspiegel betreibt, ist genau die Beanstandung
der Wissenschaftlichkeit, und das tut er aus der Mitte der Wissenschaftlichkeit
heraus. Er ist sehr wohl ein Bäcker, aber er bäckt das Brot,
das ihn Spaß macht. Der Meisterbäcker kann ihn nicht leiden,
die einfachen Leute wissen, daß er Recht hat und unterstützen
ihn. Und alle lachen laut. Seine Botschaft ist:
Bleiben wir im Gespräch, sabotieren wir das Gespräch!
Anders ausgedrückt: es ist nötig, unser Bemühen um die
Wissenschaftlichkeit unserer Methode fortzusetzen. Aber es ist auch nötig,
daß ihre Wichtigkeit relativiert wird. Und wir dürfen nicht
aus dem Auge verlieren, daß die Wissenschaftlichkeit nur ein Mittel,
ein Werkzeug ist, das wir der Klientin in ihrem therapeutischen Prozeß
zur Verfügung stellen.
5. Schluß
In diesem Artikel haben wir gezeigt, daß die
Wissenschaftlichkeit einer Aussage nicht notwendigerweise für ihre
Richtigkeit oder Qualität bürgt. Daß die Wissenschaft
nichts anderes ist, als eine willkürliche Art mit der Welt zu verkehren.
Daß sie sich politisch und historisch durchsetzen kann, aber sich
nicht auf die Begründung einer tieferen Erkenntnis berufen kann.
Ich habe anschließend einen Überblick über die Geschichte
der Wissenschaft gegeben, um zu erklären, warum über eine Krise
der Wissenschaft und über Paradigmenwechsel gesprochen wird. Ich
beschreibe danach, in welcher Form die Wissenschaft mit unserer Sprache
gekoppelt ist und betone die Wichtigkeit symbolischer Sprachen und der
Emotionen und Körpergefühle.
Im diesem Zusammenhang ist es dann klar, daß die Psychotherapie
sich auf derselben hierarchischen Ebene wie die Wissenschaft befindet
und warum sie als eine Anklägerin der Wissenschaftlichkeit betrachtet
werden kann.
Schließlich sprechen wir über die Unabwendbarkeit für
die Psychotherapie mit der Wissenschaft im Gespräch zu bleiben, und
wir stellen den Dialog in die richtige Position: wenn wir unsere Arbeitstätigkeit
wissenschaftlich diskutieren, tun wir es nicht, um die Therapie zu objektivieren,
sondern um ein weiteres Arbeitsmittel zur Verfügung zu haben.
Wir müssen jedoch noch etwas tiefer gehen und noch auf die Frage
eingehen, die ausdrücklich in der Einführung gestellt wurde:
Was ist der Sinn der Wissenschaftlichkeit auf der Ebene der Beziehungen
innerhalb der ERI und der Beziehungen der ERI mit ihren Gesprächspartnerinnen?
Was sind die Folgen davon? Welche Impulse befriedigt die Wissenschaftlichkeit?
Diese Fragen werden in einem weiteren Artikel behandelt. Ich hoffe, Sie
dort wieder zu finden, liebe Leserin und lieber Leser. Mit der gleichen
Neugierde und mit demselben Spaß, den ich beim Schreiben dieser
Arbeit genossen habe.
Literaturliste
Hier folgt eine Literaturliste. Sie besteht aus wissenschaftli-chen
Arbeiten höchster Qualität. Sie ist aber so ausgewählt,
daß sie der typischen Leserin dieser Zeitschrift leicht zugänglich
ist, sowohl was die Sprache als auch was ihre geographische Lage betrifft:
Sie sind entweder in den PULSATIONEN erschienen oder sind in den Wiener
Städtische Büchereien vorhanden.
1. Peter Bolen, "Die drei Bereiche der
Emotionalen Reintegration", in PULSATIONEN 24 (1997) 18
2. Peter Bolen, "Wissenschaft und Liebe", in PULSATIONEN 9 (1993)
10
3. Kurt Finger: "'Eklektisch' - Na und?", in PULSATIONEN 26
(1998) 8
4. Achim Hofmeister, "Brief des Obmanns", in PULSATIONEN 26
(1998) 32
5. Herbert Pietschmann: "Das Ende des naturwissenschaft-lichen Zeitalters",
Weitbrecht Verlag, Stuttgart, 1980
6. I. M. Klotz: "N-Strahlen: die Geschichte eines Irrtums",
in Spektrum der Wissenschaft, Juli 1980
7. Oliver Sachs: "Eine Anthropologin auf dem Mars", Rowohlt
Verlag, Hamburg, 1995
8. Edwin H. Land: "The Retinex Theory of Color Vision", in Scientific
American, (1977) 108
9. Herbert Pietschmann: "Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte",
S. 104, Weitbrecht Verlag, Stuttgart, 1990
10. Abraham Pais: "'Raffiniert ist der Herrgott...' - Albert Einstein,
Eine wissenschaftliche Biographie", Vieweg Verlag, Wiesbaden, 1986,
S. 452-456
11. David Boadella: "Wissenschaft, Politik, Psychotherapie und der
Körper", in PULSATIONEN 27 (1998) 8
12. Marcio Tavares d'Amaral: "Filosofia e História",
Verlag Tempo Brasileiro, Rio de Janeiro, 1982; und "Homem sem Fundamento",
Verlag Tempo Brasileiro, Rio de Janeiro, 1995; In deutscher Sprache, am
nächsten: Martin Heidegger, "Einführung in die Methaphysik",
Suhrkampverlag, 1953.
13. Staemmler, Bock: "Neuentwurf der Gestalttherapie", Ed. Pfeiffer,
1991
14. Fritjof Capra: "Das Tao der Physik", Scherz Verlag, Bern
1992
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