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David Boadella* über
Frank Roehricht:
Körperorientierte Psychotherapie psychischer Störungen

In einer Zeit, in der viele Psychotherapeuten in Deutsch-land in Folge
des Kasten-Systems des deutsche Psycho-therapeuten-Gesetzes demotiviert
sind, stellt dieses Buch einen Hoffnungsstrahl dar. Derzeit gibt es den
umfassend-sten Überblick über die Körperpsychotherapie
als Main-stream, das bisher in allen Sprache vorgekommen ist. Der Autor
ist ein etablierter Psychiater und hat die Relevanz der Körperpsychotherapie
für eine breite Palette klinischer Anwendungen inklusive der Schizophrenie
erkannt, das Thema eines früheren Buches. Darüber hinaus erkennt
er die akzeptierte Bedeutung verschiedener körperpsycho-therapeutischer
Ansätze innerhalb des klinischen Settings an, selbst wenn es sich
um Methoden handelt, die nicht angewendet werden können, ohne Zustimmung
in der Praxis individueller Psychotherapie zu gewinnen.
Das Buch hat den Vorteil, dass es eine exzellente historische Zusammenfassung
von Ulf Geuter über die Entwicklung der Körperpsychotherapie
enthält, welches nicht nur Wilhelm Reich, Sandor Ferenczi und Georg
Groddeck gerecht wird, sondern auch Elsa Gindler und Rudolf Laban als
Hauptinnovatoren körperorientierter Ansätze für die Psyche.
Das Buch enthält auf 30 Seiten den größten Überblick
über körperorientierte Gruppenübungen, den ich jemals gesehen
habe. Es enthält die erste tabellarische Übersicht ihrer Art.
eine Zusammenfassung von über 50 faszinalen und Skelettmuskeln, ihre
anatomische Funktionsweise, ihre emotionale Ausdrucksfunktion (basierend
auf Wilhelm Reich) sowie Vorschläge für die therapeutische Behandlung.
Der Überblick ist eindrucksvoll und extrem hilfreich, vorausgesetzt,
man wendet diese Übungen nicht an wie ein Kochbuch und erinnert sich
dabei an Wilhelm Reichs Warnung, der zufolge es bedeutungslos ist, lediglich
einen Muskel zu pressen, bevor man nicht in einem guten emotionalen Kontakt
mit der Funktion des Charakter-Widerstandes des Klienten ist. Es folgt
eine kurze Abhandlung über die Handhabung der Hyperventilation bei
einigen Klienten, zeigt jedoch ganz klare Gegenindikatio-nen an für
solche Falle, bei denen diese keine Anwendung finden sollte.
Eine systematische Aufstellung körperorientierter Therapien versucht
zu unterscheiden zwischen 'funktionalen' Hier- und Jetzt-Methoden, Arbeitsprinzipien
mit der Atmung, Relaxation und dem autonomen Bewusstsein einerseits ('subjektive
Anatomie') und konfliktorientierte Methoden andererseits, die tiefenpsychologischer
Natur sind, weil sie Erkenntnisse in die psychodynamische Geschichte und
die Arbeit mit der Übertragung einbeziehen. Der Autor präsentiert
dabei vier Methoden (Integrative Therapie nach Petzold, Konzentrative
Bewegungstherapie, Funktionale Relaxation und Biodynamik), um beide Kategorien
abdecken zu können. Die Biosynthese wird sehr korrekt als tiefenpsychologische
Methode dargestellt; in unserem integrativen Ansatz teilen wir jedoch
zahlreiche gemeinsame Aspekte, wie sie innerhalb der so genannten 'Funktionalen'
Methoden aufgeführt sind.
Beide Ansatzformen werden darüber hinaus unterteilt in die folgenden
vier Bereiche: beziehungsorientiert, perzeptuell-orientiert, bewegungsorientiert
und affektiv und energetisch orientiert. Hier verfällt der Autor
in den Fehler der Aufspaltung vieler Körperpsychotherapie-Ansätze
in seine vorentwickelten Kategorien und ordnet die Biosynthese fälschlicherweise
der letzten Kategorie zu (zusammen mit der Bioenergetik und mit Core-Energetics).
Die Biosynthese ist jedoch von ihren Ursprüngen her gegründet
und basiert auf den Prinzipien der drei Lebensströme von Affekt,
Bewegung und Perzeption, wobei sie die Kategorien dieses Buches präzise
überbrückt. Die Klassifikation ist in dieser Hinsicht ganz klar
fehlerhaft. Die Biosynthese basiert darüber hinaus auf Kontaktprinzipien,
für die das Verständnis der somatischen Resonanz der organischen
Übertragung und der projektiven Identifikation von grundlegender
Bedeutung ist. Ich hoffe, dass dieser unbeabsichtigte Fehler in einer
späteren Auflage des Buches korrigiert wird.
Obwohl Frank Roehricht sich auf gruppentherapeutische Arbeit spezialisiert
hat, beschreibt er vier Fallstudien mit Patienten in Einzeltherapie. Die
Arbeit zeigt die selektive Anwendung besonderer Körperinterventionen,
die für den Klienten hilfreich waren. Obwohl es gute Beschreibungen
über die differenzierte Anwendung von körperpsychotherapeutischen
Techniken gibt für verschiedene Ebenen von Ego-Strukturen (psychotische,
Borderline-, narzisstische und neurotische Strukturen) ist bemerkenswert,
dass eine Differenzierung in Hauptcharakterprozesse fehlt, wie sie in
der Psychoanalyse verstanden werden, in der Charakteranalyse und in der
bioenergetischen Analyse.
Das Buch bezieht sich hauptsächlich auf die Konzepte der affekto-motorischen
Schemata, die ihre Wurzeln in den Arbeiten von Piaget, Mahler und Stern
haben und wie sie auch von George Downing ausgeführt sind. Das parallele
Konzept zu den affekto-motorischen Schemata bildet in der Biosynthese
als zentrales Konzept dort die motori-schen Felder. In der Biosynthese
wird darüber hinaus unterschieden zwischen der Strukturarbeit und
der Prozessarbeit. In der Strukturarbeit führt der Therapeut den
Klienten in besondere Körpererfahrungen ein, in dem er besondere
motorische Techniken anbietet, Selbst-hilfe-Übungen und Selbsterforschungsformen.
Der Biosynthese-Trainer Richard Hoffman hat ein wichtiges Buch dazu veröffentlicht,
in dem er die Anwendung dieser Strukturen beschreibt, teilweise modifiziert
von der Bioenergetik. Roehricht verfügt über ein klares und
gutes Repertoire aus verschiedenen örperpsychotherapeutischen Richtungen,
aus dem Therapeuten Angebote in strukturierter Form zur Verfügung
gestellt bekommen.
In der Prozessarbeit wird der Therapeut dagegen zuerst trainiert, in
einer Geste die affekto-motorischen Absichten zu lesen (was Reich mit
dem emotionalen Ausdruck des Lebens bezeichnete); und zweitens, wie er
Mikro-Intentionen unterstützen kann, um die vollständige Reorganisation
des motorischen und emotionalen Ausdrucks des Körpers entfalten zu
können. Diese Arbeit ähnelt der Entfaltung, wie es bei Elsa
Gindler beschrieben wird. Sie ist personenspezifisch, nicht methodenspezifisch,
entwickelt sich aus dem Gamma-Nervensystem des Klienten (der 'Seele des
Muskels') heraus und ist in Gefühl und Form sehr verschieden von
einer strukturierten Übung oder von trainierten Fähigkeiten
und Fertigkeiten. Sie beinhaltet eine spezifische somatische Antwort auf
ein Problem, das aus somatischer Spannung oder Stresskomplexen resultiert.
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Motorische Feldarbeit - wenn sich diese entfaltet
- unterstützt von empathischer Berührung, wenn nötig durch
den Therapeuten, kreiert eine eigene Integration der Hier- und Jetzt-Arbeit
und in der Arbeit über die Konflikte der Vergangenheit, der funktionalen
und tiefenpsychologischen sowie der intrapersonalen Energien und der Beziehungsdynamiken.
Für diese ist das, was die affekto-motorischen Schemata sind: sie
bilden die Synthese des affektiv-energetischen Ausdrucks, des motorischen
Bewegungsflusses und der perzeptuellen und kognitiven Haltungen. Deshalb
transzendieren und integrieren sie die konzeptuellen typologischen Kategorien
der Psychotherapie und der Körperpsychotherapie. Sie entwickeln und
gewinnen Bedeutung im Kontext der Beziehungen aus der pränatalen
Zeit über die neonatale Zeit hinweg und weiter. Sie bilden die Basis
für die drei nonverbalen Selbst, wie Daniel Stern sie beschrieben
hat. Die kontrahierten Muster, die sich in nicht eingestimmten Beziehungen
entwickeln, bilden gestörte Formen von Kontaktmustern hinsichtlich
Bindung und Grenzen, die Teil des angeborenen Potentials von Kindern sind.
Und die therapeutische Arbeit mit diesen Mustern besteht darin, diese
'angeborene' motorische Reaktionsbereitschaft der charakterologischen,
muskulären und viszeralen Panzerung aus restriktiven motorischen
Feldern zu befreien. Diese gesunden affekto-motorischen Schemata bilden
das Lebensblut des Kontaktes, der unterhalb von Misstrauen und Idealisierung
in der Übertragung liegt und die auf kontrahierten Schemata und Feldern
beruhen. Anlässlich des 7. körperpsychotherapeutischen Kongresses
in Travemünde hieß das Thema: 'flesh of the soul'. Das Bewusstsein
des Autors in Bezug auf die Bedeutung der affekt-motorischen Schemata
bildet ein anderes hervorragendes Feature dieses Buches. Es wäre
gut, wenn in einer 2. Auflage ein zusätzliches Kapitel eingebaut
werden könnte, in dem die Anwendung in der klientenzentrierten Prozessarbeit
beschrieben wird.
Der Autor trägt sowohl theoretischen wie auch
praktischen Ausführungen Rechnung, dass negative Einprägungen
des Körperbildes und restriktive oder defiziente Aspekte des Körperschemas
beeinflusst werden können durch körperpsychotherapeutische Methoden.
Diese Therapien, die auf die Ursprünge der Arbeiten von Reichs Lehrer
Paul Schilder zurück zu führen sind ebenso wie auf Henry Head,
enthalten darüber hinaus ein eigenes Kapitel, da klar ist, dass beide
von zentraler Bedeutung in der Arbeit mit Schizophrenen ist, auf die sich
Frank Roehricht spezialisiert hat.
Ich bin besonders glücklich darüber, in
diesem Buch eine Würdigung der wichtigen Arbeiten von Thure von Uexküll
zu finden, eine Leitfigur in Deutschland in der holistischen psychosomatischen
Medizin. Thure von Uexküll ist Sohn von Jakob von Uexküll, einem
der Begründer der Ethologie-Wissenschaften, der einen starken Einfluss
auf das biophysikalische Verständnis von Wilhelm Reich hatte. Thure
von Uexküll hat eine reiche theoretische Basis aufgebaut und entwickelt,
in die er Systemtheorie, Kybernetik und Semiotik zum Verständnis
der integrativen Natur der menschlichen Persönlichkeit und des Organismus
einbezog in einen entwicklungs- und sozialpolitischen Kontext. Er hat
dies als Basis genommen, einen neuen theoretischen Grundplan von Bodymind-Interaktionen
in Beziehungen zu entwickeln, den er verwendet, um sein Verständnis
von körperorientierten Psychotherapie-Ansätzen zu vertiefen,
welche er im höheren Alter prinzipiell von Marianne Fuchs, der Begründerin
der funktionalen Relaxation, lernte. Von Uexküll ist sich der Bedeutung
von prä- und perinatalen Erfahrungen für unsere Gefühle
von Verkörperung des energetischen Wohlbefindens und der Balance
bewusst und hat in seinem Buch über subjektive Anatomie ein Kapitel
geschrieben, auf das sich auch Roehricht bezieht. Er kommentiert besonders
die Kongruenz von Uexkülls theoretischem Modell mit der Praxis und
dem Verständnis verschiedener körperpsychotherapeutischer Ansätze
inklusive der Biosynthese (eine Methode, die Uexküll kennt sowohl
aus einem persönlichen Gespräch im Jahre 1999 mit mir, wie auch
von der Einbeziehung des Buches 'Befreite Lebensenergie' über die
Biosynthese in die Referenzliste seines Buches 'Subjektive Anatomie').
Wir treten in eine neue Dekade ein, in der die Arbeit zur Anerkennung
der Körperpsychotherapie in Europa und hier insbesondere in Deutschland
Würdigung findet, wo das Psychotherapie-Gesetz keinen Platz dafür
gelassen hat. In diesem Prozess wird das Buch von Frank Roehricht ein
signifikanter Meilenstein sein, mit seiner ausführlichen klinischen
Basis, der hohen Professionalität und dem tiefen Respekt für
die Arbeit von Wilhelm Reich. Ein weiterer Meilenstein wird das geschichtliche
Kapitel von Ulf Geuter sein, der eine Leidenschaft für Sorgfalt hat
und dafür, ein Licht auf die verbliebenen und vergessenen Pioniere
der tiefenpsychologischen Körperpsychotherapie zu werfen - hier insbesondere
auf Reich, Groddeck und Ferenczi - sowie auf die Begründer sensitiver
Atem- und Bewegungstherapie, wobei hier ganz besonders Elsa Gindler und
Rudolf Laban genannt werden sollen. Ein dritter Meilenstein besteht in
der umfassenden Bibliografie, wie sie von Ulf Geuter im Jahre 1998 aufgebaut
wurde, die insgesamt 1.143 Einträge umfasst. Ein vierter Meilenstein
bildet ein Überblick, der von Dietrich im Jahre 1993 am Medizinisch
Historischen Institut der Universität Bonn erarbeitet wurde: Roehricht
informiert uns, dass 89% von 163 Direktoren psychosomatischer, psychotherapeutischer
und psychiatrischer Kliniken in Deutschland positiv antworteten, als sie
den Fragebogen über die klinische Relevanz von körperorientierten
Methoden ausfüllten. Schlussendlich möchte ich auf die ungewöhnliche
Kombination von klinischer Präzision, wissenschaftlicher Stringenz
und Öffnung in Richtung einer breiten Palette von von Methoden hinweisen,
die seit der Einführung des Deutschen Psychotherapie-Gesetzes als
unseriös oder sogar esoterisch bezeichnet werden. Röhricht ist
vertraut mit neun oder zehn dieser Methoden, die zusammen mit einer exzellenten
und umfassenden Bibliographie im Buch präsentiert werden.
Die vorliegende Buchbesprechung
erschien erstmals in Band 31/2000 von Energie & Charakter, Übersetzung:
Gisela Wallbruch. Ich danke David Boadella für die Erlaubnis, den
Text auf meinen Webseiten zu veröffentlichen.
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Frank Roehricht:
Körperorientierte Psychotherapie
psychischer Störungen
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