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PETER GEISSLER:
Der präverbale Handlungsdialog.
Videomikroanalyse der frühen Interaktion
als Ausgangspunkt für eine erweiterte Betrachtung unbewusster Prozesse
Die Säuglings- und Kleinkindforschung
hat unsere Sichtweise der menschlichen Frühentwicklung revolutioniert.
Mit Hilfe moderner Technik und videomikroanalytischer Auswertung der frühen
Interaktion zwischen dem Säugling und seinen elterlichen Bezugspersonen
haben wir neue Einblicke in präverbale Bereiche gewonnen, über
die man bis vor zwanzig Jahren nur spekulieren konnte. Eine exakte und
detaillierte Auswertung der Eltern-Kind-Interaktion bringt Verhaltensaspekte
und damit verbundenes seelisches Erleben in einem Feinbereich, der dem
beobachtenden Auge üblicherweise entgeht, eindrucksvoll ans Licht.
Wir übersehen normalerweise solche Feinprozesse, weil menschliches
Verhalten überaus komplex ist (z.B. ereignen sich zahlreiche feine
Bewegungen und Haltungsveränderungen in einzelnen Körpersegmenten
simultan) und unsere Wahrnehmungskapazität hier bald an Grenzen stößt.
Darüber hinaus entziehen sich verschiedene Qualitäten, die entscheidend
für die frühe Interaktion sind, leicht einer beschreibend-wissenschaftlichen
Sprache (wie z.B. feine Nuancen im Tonfall oder im stimmlichen Ausdruck).
So sind auch unserer Sprache im Versuch, Verhaltensaspekte und damit verbundenes
seelisches Erleben präzis in eine wissenschaftliche Fachsprache zu
übersetzen, Grenzen gesetzt. Dennoch wissen wir als Ergebnis dieser
nunmehr etwa zwanzigjährigen Forschung, dass der Säugling aufgrund
von angeborenen Kompetenzen viel fähiger und aktiver ist, als dies
dem "rekonstruierten" Säugling tiefenpsychologischer Prägung
unterstellt wurde. Wir haben es ohne Zweifel mit einem von Anbeginn an
interaktiv "kompetenten Säugling" zu tun (Dornes, 1992).
Wir werden vielleicht nie genau wissen, was der Säugling tatsächlich
erlebt; insofern sind die Schlussfolgerungen, die wir aufgrund der Verhaltensbeobachtung
und -analyse anstellen, kein definitiver Beweis für und gegen die
Existenz angenommenen frühen subjektiven Erlebens. Wenn ein Patient
im psychoanalytischen Setting oder während körperpsychotherapeutischer
Interventionen auf frühe Erlebnisstufen regrediert, so kann man andererseits
nicht einfach davon ausgehen, dass sich das "Kind im Patienten"
mehr oder weniger unverhüllt ausdrückt und darstellt. Im Laufe
der psychischen Entwicklung wird frühes Erleben durch vielfältige
Verarbeitungen überlagert, die man nicht einfach willentlich überspringen
kann. Jedoch scheint mir erstrebenswert zu sein, 1. dass sich künftige
Entwicklungspsychologien, auf die sich psychotherapeutische Verfahren
beziehen, so weit wie möglich an wissenschaftlichen Befunden orientierten
sollten, und 2. dass die Kluft zwischen dem beobachteten und dem rekonstruierten
Säugling im Falle tiefenpsychologischer Zugänge zum Patienten
nicht zu groß sein sollte. In diesem hier nur kurz angedeuteten
teils sehr kontroversiellen Spannungsfeld ist die Diskussion, zu der ich
mit dem vorliegenden Beitrag Impulse beisteuern möchte, anzusiedeln.
Am Beispiel einer kommentierten mikrovideoanalytischen Sequenz der Interaktion
zwischen einem 13 Monate alten Knaben und dessen Mutter wird versucht
ansatzweise aufzeigen, was uns die Detailanalyse des frühen nonverbalen
Handlungsdialoges an Wissen eröffnet und wie wir, gestützt auf
dieses Wissen, unser Verständnis unbewusster Prozesse erweitern können.
Ich beziehe mich dabei vorwiegend auf Arbeiten von Dornes (1992, 1997,
2000), Downing (1996, 1999a, 1999b, 2001) und Stern (1991, 1992, 1997,
1998a, 1998b, 1999, 2000). Im Kern geht es darum, als Ergänzung zu
der der tiefenpsychologischen Tradition entstammenden Theorie des dynamischen
Unterbewussten die Bedeutsamkeit eines prozeduralen Unterbewussten bzw.
Prozesswissens hervorzuheben, dessen Akzeptanz als zentrales theoretisches
Konstrukt Auswirkungen auf die klinische Praxis und die psychotherapeutische
Technik haben muss. Gelegentlich werde daher ich im folgenden auf Parallelen
zwischen der beschriebenen Kind-Eltern-Interaktion und der psychotherapeutischen
Situation hinweisen.
Videomikroanalyse von Gabriel und seiner Mutter:
Vorbemerkungen
Gabriel ist ein 13 Monate alter normal entwickelter Junge, der gerade
seine ersten Zähne bekommt. Gleichzeitig versucht seine Mutter, wie
sie mir vor der Videoaufnahme erzählt, ihn seit einigen Wochen abzustillen,
was schwierig sei, weil er an ihr sehr hänge. Er sei sehr an sie
fixiert und verhalte sich generell ängstlich, wenn sie sich von ihm
entferne. Gabriel befindet sich, wie in letzter Zeit öfter, in einem
labilen Affektzustand. Er hat Zahnschmerzen, ist nicht ganz ausgeschlafen
und leidet an einer Verkühlung. Im kurzen Gespräch vor dem Video
erfahre ich von der Mutter, einer Juristin und Sozialarbeiterin, die derzeit
vollständig zu Hause ist und keiner beruflichen Tätigkeit nachgeht,
dass Gabriel ihr zweites Kind ist, es gibt eine um zwei Jahre ältere
Schwester.
Für die Videoaufnahme bitte ich sie, mit Gabriel Dinge zu tun, die
sie normalerweise auch tut - also Spiele zu spielen und einfach wie gewohnt
mit ihm umzugehen. Der für den gegenständlichen Zweck ausgewählte
und kommentierte Ausschnitt demonstriert die Interaktion zwischen Gabriel
und seiner Mutter etwa zehn Minuten nach Beginn der Videoaufnahme. Zuvor
hat sie vergeblich versucht, ihn zu beruhigen, sie hat mehrfach versucht
ihn durch Körperkontakt und Streicheln und durch das Anbieten verschiedener
Spielzeuge zu besänftigen, aber immer wieder hat Gabriel geraunzt
und war unzufrieden, bis sie ihm schließlich doch die Brust gegeben
hat. Das Stillen hat Gabriel zunächst zufriedengestellt, aber auch
nur vorübergehend. Alle Interaktionsangebote seiner Mutter scheinen
zu scheitern, Gabriel bleibt raunzig. Nun wendet er sich, auf mich zum
ersten Mal wirklich aufmerksam geworden, der Kamera zu. Die folgende Sequenz,
die ich in insgesamt acht Episoden unterteilt habe, dauert knapp zwei
Minuten. Die Zahlenangaben unter den einzelnen Episoden geben die jeweilige
Dauer in Sekunden an.
Erste Episode: Gabriel interessiert sich für
die Kamera
0.00 - 0.06
Von der Ausgangsposition her sitzt Gabriels Mutter auf dem Boden, und
sie hält ihn mit ihren Armen und Händen so, dass ihre beiden
Bauchseiten sich berühren. Gabriel erblickt nun die Kamera und wendet
sich ihr zu. Die Videosituation ist neu für ihn, und sie ruft sein
Interesse wach. Er wendet sich mit dem Gesicht frontal der Kamera zu.
Sein Gesichtsausdruck und die begleitenden vokalen Äußerungen
sagen alles: er ist verweint, raunzig und frustriert. Aber er wird still
und hält inne, als er mich erblickt, und er ist nun sichtlich neugierig.
Die Handlungssequenz, die ich nun zu beschreiben versuche, vollzieht
sich für das normal beobachtende Auge so rasch, dass das Wesentliche,
das ich nun herausarbeiten möchte, in der Regel übersehen wird.
Tatsächlich werden die Details, um die es dabei geht, erst bei videomikroanalytischer
Betrachtung deutlich. Als Gabriel nun für eine kurze Zeit die Kamera
im Visier hat, ist der Blick seiner Mutter konstant auf die ihr zugewendete
Hälfte seines Gesichts gerichtet. Sie verhält sich, während
Gabriel die Kamera anstarrt, vollkommen still, sie gibt keinerlei Laute
von sich. Nach etwa zwei Sekunden dreht sich Gabriel mit seinem Kopf zu
ihr zurück, worauf sich seine Mutter nun etwas überraschend
der Kamera zuwendet.
Dieser Vorgang wiederholt sich ein zweites Mal in einer noch kürzeren
Zeiteinheit. Wieder dreht sich Gabriel der Kamera zu, und synchron zu
Gabriels Kopfdrehung zur Kamera dreht sie ihren Kopf zurück zu ihm
und sieht in wieder von der Seite her an. Kurz darauf dreht sich Gabriel
endgültig zu ihr zurück, seine Mutter deutet die Kopfdrehung
zu mir noch kurz an, ohne sie vollkommen auszuführen, und dann blicken
sie einander, aus ca. zwanzig Zentimeter Abstand, in die Augen. Gabriel
beginnt nun wieder zu raunzen. Während dieser sechs Sekunden dauernden
Episode sind beide still gewesen. Über physische Berührung waren
Gabriel und seine Mutter durchwegs in Kontakt, jedoch ohne begleitende
Vokalisationen, ohne akustische Abstimmung, und am Ende dieser Sequenz
nehmen die beiden wieder kurz Blickkontakt auf.
Worum geht es in dieser ersten Interaktionsepisode? Der Prozess, den
ich herausheben möchte, wird in der Säuglingsforschung "joint
focus" genannt - das gemeinsame Teilen der Aufmerksamkeit, eine von
mehreren Voraussetzungen für einen Zustand gelingender affektiver
Kommunikation. Fivaz-Depeursinge (1998) unterscheidet vier Teilfunktionen
in der affektiven Kommunikation:
1. Einbezogenheit in die gemeinsame Handlung vs. Ausgeschlossenheit
2. Beibehalten von Handlungs- oder Spielrollen vs. Rollenverlust
3. Gemeinsamer vs. verschwommener Aufmerksamkeitsfokus
4. Grad der affektiven Abgestimmtheit
Die Fähigkeit zur gemeinsamen Ausrichtung der Aufmerksamkeit kommt
mit ca. sechs bis acht Monaten in Gang und ist eine Fähigkeit, die
dem Baby im Rahmen des intersubjektiven Selbsterlebens möglich wird
(Stern, 1992). Gabriel ist dazu also längst in der Lage. Da Gabriel
sich für die für ihn neue Situation, die Videoaufnahme, interessiert,
hätte seine Mutter nun eine gute Chance, ihn durch Teilen der gemeinsamen
Aufmerksamkeit zu einer Verbesserung seines affektiven Zustandes wirksam
zu verhelfen. Ein "joint focus" stellt somit im allgemeinen
eine gute Gelegenheit zur wirksamen Affektregulation dar. Dazu müsste
sich Gabriels Mutter einerseits von ihrer Kopfhaltung und vom Blick her
auf den gemeinsamen Fokus abstimmen, und sie müsste andererseits
einen akustisch vermittelten Hintergrund herstellen, der die Affektlage
Gabriels in eine mehr positive Richtung verschieben könnte. Gabriels
Mutter könnte zur Verbesserung von Gabriels Affektzustand z.B. in
einem interessierten und leicht anregenden Tonfall zur Kamera gerichtet
sagen, ev. unterstützt durch ein Ausstrecken eines Arms in Richtung
Kamera: "Schau mal, was ist denn das!" Diese wäre eine
Botschaft, die bei Gabriel positiv ankommen würde, da seine Mutter
ihm ein klares Signal vermitteln würde, dass sie sein Interesse für
die Kamera teilt. In der Zeitlupen- und Bild-für-Bild-Analyse der
Handlungssequenz wird deutlich, dass die Mutter in dieser Episode weder
bewegungs- und haltungsmäßig gut mit Gabriel synchronisiert
ist, noch dass sie hier die Gelegenheit ergreift, Gabriel kraft ihres
stimmlichen Repertoirs positiv zu beeinflussen. Sie verhält sich
in dieser Episode, gibt keinen Laut von sich. Die Folge ist, dass sich
Gabriels Stimmungszustand keineswegs verbessert hat, er ist nach dieser
Episode weiterhin raunzig und frustriert und sucht nun, indem er sich
ihr zuwendet, Beruhigung.
An dieser Stelle scheint eine allgemeine Bemerkung notwendig. Wir dürfen
uns den Kontaktprozess zwischen Babies und Eltern (ebenso wie den Kontaktprozess
zwischen Patient und Therapeut) nicht als einen Vorgang ununterbrochener
gelingender Abstimmung aufeinander vorstellen. Abgesehen davon, dass eine
ununterbrochene Abstimmung nicht günstig wäre, weil sie dem
Kind (dem Patienten) das Gefühl von Autonomie rauben würde,
so ist kein Elternteil (und auch kein Psychotherapeut) in der Lage, konstant
einen guten Kontakt zu seinem Kind aufrechtzuerhalten. Kontaktbrüche
sind ein normales Geschehen, und die Interaktion zwischen Kindern und
Eltern ist auch im Normalfall ein konstanter Wechsel zwischen Kontaktabbruch
("dyscoordination") und Kontakt(wieder)herstellung ("repair").
Entscheidend ist die Fähigkeit der elterlichen Bezugsperson (des
Therapeuten), Kontaktbrüche zu spüren und intuitiv zu korrigieren,
sich also um neuerliche Kontaktaufnahme zu bemühen und Kontakt wieder
erfolgreich herzustellen. Gabriels Mutter ist, wie noch gezeigt wird,
eine sehr bemühte Mutter mit hoher Frustrationstoleranz, die trotz
eines eingeschränkten Repertoirs an handlungsdialogischer Abstimmung
immer wieder aufs Neue versucht, ihren Sohn zufriedenzustellen. Sie ist
alles in allem eine "Good-enough-Mother" im Sinne Balints.
Zweite Episode: Gabriel wendet sich seiner
Mutter zu und sucht Beruhigung im Körperkontakt mit ihr
0.06 - 0.11
Nachdem die Herstellung eines ausreichend stimulierenden "joint
focus" misslungen ist, sucht Gabriel im unmittelbaren Kontakt mit
seiner Mutter Trost. Er dreht sich zu ihr zurück und nimmt Augenkontakt
mit ihr auf. Downing (1996) spricht diesbezüglich von einem affektmotorischen
Verbindungsschema. Die Videomikroanalyse enthüllt im Detail die "affektmotorische
Antwort" von Gabriels Mutter auf dessen Zuwendungsbewegung: Sie bewegt
sich mit ihrem Kopf auf den seinen zu und küsst ihn auf die Stirn,
jedoch auf eine Weise, dass Gabriels Kopf ein kleines Stück zurückgedrückt
wird. Gabriels Gesichtsausdruck scheint zu verraten, dass er bei dieser
mütterliche Zuwendungsgeste gemischte Gefühle erlebt. Der Kontakt
zwischen beiden verbessert sich nicht. Auch Gabriels Mutter ist offenbar
in einem Zustand von Spannung, zumindest körperlicher Spannung, denn
unmittelbar nach dem Kuss greift sie mit ihren Armen um Gabriel herum
und verändert die Position, in der sie ihn an sich hält.
Vom Resultat her ist auch dieser Versuch, Gabriel im unmittelbaren körperlichen
Körperkontakt zu beruhigen, erfolglos verlaufen. Man sieht es an
Gabriels Gesicht und hört es an seinen Vokalisationen - er bleibt
unruhig. Achtet man auf die körperliche Haltung, die Gabriels Mutter
in dieser Episode eingenommen hat, so gewinnt man den Eindruck, dass sie
sich selbst nicht in einer optimalen Körperposition befand, aus der
heraus sie gut hätte agieren könnte. Sie sitzt im Schneidersitz
auf dem Boden, in leichter Rückenlage und befindet sich allein schon
dadurch in einer gewissen muskulären Spannung. Downing (1999a) würde
hier von einem "space-and-time-structuring schema" sprechen
und damit die Art und Weise charakterisieren, wie Gabriels Mutter sich
in ihrer körperlichen Haltung organisiert und dadurch den gemeinsamen
"Spielraum" zwischen ihm und ihr in Raum und Zeit definiert.
Mütter unterscheiden sich in der Art und Weise, einen Interaktionsraum
mit ihrem Kind zu gestalten, stark voneinander. Der "tonische Dialog"
über Berührung und Halt ist dabei ein Teilaspekt, jedoch spielen
auch alle anderen Kommunikationskanäle eine wichtige Rolle. Die mütterliche
Kompetenz in diesem Bereich hat große Auswirkungen auf der Verhalten
des Babys: Manche Mütter können ihre Babys sehr leicht und sicher
beruhigen, andere wiederum haben dabei große Schwierigkeiten. In
den daraus resultierenden "Schemata des Zusammenseins" (Stern,
1998a) spielen also räumliche, zeitliche und haltungsmäßige
Komponenten zusammen. Gabriels Mutter hat die Fähigkeit, für
Gabriel genügend befriedigende "space-and-time-structuring schemas"
bereitzustellen, anscheinend nur in eingeschränktem Maß zur
Verfügung. Auch im Bereich der stimmlich-akustischen Begleitung von
Gabriels Verhaltensmanifestationen ist ihre Modulations- und Affektregulierungsfähigkeit
begrenzt, und der Kuss auf Gabriels Stirn ist sicher gut gemeint, aber
in der Affektlage, in der Gabriel sich befindet, und auf die Art und Weise,
wie sie ihn küsst (ihn ein wenig bedrängt), kein adäquates
Mittel der Besänftigung.
Dritte Episode: Gabriel dreht sich von der
Mutter weg und wendet sich einem neuen Objekt zu
0.11 - 0.15
Gabriel ist bei seiner Mutter nicht "angekommen" und orientiert
sich neu. Man sieht im folgenden in der Zeitlupenaufnahme an einer Drehung,
die zunächst von Gabriels Kopf ausgeht und dann auf seinen gesamten
Rumpf übergeht, dass ihm ein neues Objekt - ein Spielzeug - aufgefallen
ist und er sich diesem neuen Objekt kontinuierlich zuwendet, bis er schließlich
voll auf das neue Objekt ausgerichtet ist. Im Endeffekt wendet sich Gabriel
von seiner Mutter zumindest visuell ab (auf der Ebene des Körperkontakts
bleibt er weiterhin mir ihr verbunden), vollzieht also eine Autonomiebewegung.
Im Sinne Downings würde man hier von einem affektmotorischen Differenzierungsschema
sprechen, und häufig markieren diese einen kritischen Bereich in
der Eltern-Kind-Interaktion. Wie reagiert die Mutter auf Gabriels Autonomieimpuls?
Die Videomikroanalyse zeigt, dass sie Gabriels Wegorientierung bemerkt
und mit einer Drehung ihres Kopfes das Spielobjekt, das Gabriel nun im
Fokus hat, sucht und offensichtlich auch findet. Sie hat also Gabriels
Bedürfnis gespürt und zunächst respektiert. Unmittelbar
im Anschluss darauf dreht sie jedoch ihr Gesicht wieder zu Gabriels Gesicht
zurück, und zwar auf eine Weise, dass sie ihren eigenen Kopf exakt
zwischen den Spielgegenstand, den Gabriel aufmerksam betrachtet, und Gabriels
Gesicht schiebt, sodass ihr eigenes Gesicht etwa 20 Zentimeter vor Gabriels
Gesicht erscheint und die Sicht auf das Spielzeug, das Gabriel gerade
noch im Fokus seiner Aufmerksamkeit hatte, vollständig verdeckt.
Mit anderen Worten: Sie macht sich in dieser Episode selbst zu seinem
Fokus und unterbricht Gabriels Interesse am Spielobjekt, ohne dass von
ihm irgendein entsprechendes Kontaktsignal ausgegangen wäre. An sich
ist dies eine eher problematische Geste. Berücksichtigt man den Gesamtkontext
und sieht man in der Geste der Mutter einen Versuch, Gabriel, der weiterhin
quengelig und unruhig ist, irgendwie abzulenken, ist die Handlung der
Mutter von ihrer Motivation her vielleicht nachvollziehbar. Vom Effekt
her hat sie, wie noch gezeigt wird, keine kontaktfördernde Wirkung.
In der darauffolgenden Interaktion, etwa eine Sekunde später, kann
man in der Videomikroanalyse eine feine Mikrobewegung bei Gabriel bemerken.
Während sich seine Mutter nun wieder von ihm abwendet und mit ihren
Augen den von Gabriel zuvor Gabriel anvisierten Spielgegenstand sucht,
d.h. den "joint focus" ihrerseits wieder herstellen möchte,
führt Gabriel eine minimale Seitwärtsbewegung im Nacken aus,
die seinen Kopf kurzfristig etwa um zwei Zentimeter näher an den
Kopf seiner Mutter heranbringt, während auch er sich, gleichzeitig
zu dieser kleinen Bewegung hin zu seiner Mutter, wieder dem Spielobjekt
zuwendet. Es finden also bei Gabriel zugleich zwei Bewegungen statt: eine
Wiederausrichtung hin zum Spielobjekt, und eine minimale Bewegung hin
zu seiner Mutter.
Diese Bewegung, so klein und unauffällig sie erscheint, ist in Wahrheit
sehr interessant, auch wenn ihre Bedeutung zunächst unklar bleibt.
Gabriels Mutter hat seinen Versuch, sich neu zu orientieren, durch ihr
sich Dazwischen-Schieben, eigentlich gestört. Warum bewegt sich Gabriel
dann kurz näher zu ihr hin, anstatt sein Sich-gestört-Fühlen
zu artikulieren? Es handelt sich bei dieser Mikrobewegung, die den Abstand
zwischen Gabriel und seiner Mutter kurzfristig um etwa zwei Zentimeter
verringert, sehr wahrscheinlich um eine "Körperstrategie"
(Downing, 1999). Man versteht darunter interaktive Bewegungssequenzen,
die der kindliche Interaktionspartner schon sehr früh selbst initiiert,
wobei er im Zuge des Fortschreitens der Entwicklung und der Verbreiterung
seines Bewegungsrepertoirs aufgrund neuromuskulärer Reifungsprozesse
auf immer differenziertere "Körperstrategien" zurückgreift.
"Körperstrategien" sind Modalitäten, den eigenen Körper
zu organisieren, ihn zu bewegen, ihn durch das Einnehmen von Haltungen
und Bewegungen auf eine bestimmte Aktion vorzubereiten mit dem Ziel, im
Rahmen eines motorisch-affektiven Aushandlungsprozesses aktiv einen Kompromiss
zu suchen zwischen den eigenen und den elterlichen Bedürfnissen.
Gabriel hat anscheinend das Kontaktbedürfnis seiner Mutter gespürt
und durch diese minimale Hinbewegung zu ihr positiv beantwortet, auch
wenn sein Interesse ursprünglich darin bestand, das neue Spielobjekt
aufmerksam zu betrachten. Auf diese Weise kommt Gabriel seiner Mutter
im wahrsten Sinn des Wortes entgegen. Schon das Baby bildet aktiv Körperstrategien
aus, die zur Regulation elterlicher Bedürfnisse und Affekte beitragen.
Auf motorischer Ebene bestätigt sich im gegebenen Beispiel eindrucksvoll,
dass das Schlagwort des interaktiv "kompetenten Säuglings"
keine Fiktion ist. Nicht nur Eltern regulieren durch ihr Verhalten die
Affektlage ihrer Kinder, auch das Umgekehrte trifft zu: der Säugling
leistet im Rahmen seiner Möglichkeiten von Anbeginn an seinen aktiven
Beitrag. Dass er dies tut und auf welche Weise Säuglinge und Kleinkinder
dabei vorgehen, konnte erst durch videomikroanalytische Studien aufgezeigt
werden, denn die minimalen Regulationsbewegungen, um die es dabei geht,
sind für das Auge des durchschnittlichen Beobachters unsichtbar.
Wir müssen davon ausgehen, dass gleiches für die Interaktion
zwischen Patient und Therapeut gilt: Auch hier finden unentwegt subtile
Regulationsprozesse statt, die beide, Patient und Therapeut, auf bewusster
Ebene nicht wahrnehmen, die aber trotzdem wirken und den Verlauf der Interaktion
unmerklich steuern. Auch der Patient stellt sich auf die Bedürfnisse
des Therapeuten ein und sucht unbewusst nach Kompromissen zwischen eigenen
Wünschen und denen des Therapeuten. Gleiches gilt für den Therapeuten.
Das sich auf nonverbaler Ebene ununterbrochen vollziehende Wechselspiel
an Gesten und Mikroregulationen ist wenig vereinbar mit einem Neutralitätsideal,
wie es teilweise noch immer gefordert wird.
Vierte Episode: Gabriel beschäftigt sich
mit dem neuen Objekt
0.15 - 0.28
Vom Effekt her kann man in der folgenden Episode beobachten, dass sich
Gabriel zwar mit dem neuen Gegenstand beschäftigt, jedoch, wie man
an seinen Lautartikulationen eindeutig bemerkt, weiterhin unruhig und
unzufrieden ist. Seine Mutter hat die erneute Wegbewegung Gabriels von
ihr zum Spielzeug schließlich akzeptiert. Sie ist nun präsent
und teilt seine Aufmerksamkeit während des Spielens. Allerdings ist
sie auch in dieser Episode nicht in der Lage, atmosphärische Aktivitäten
zu setzen, die Gabriels Stimmungszustand in eine positive Richtung verschieben
würden.
Es wäre möglich, Gabriels Stimmungszustand zu verbessern, wenn
sie akustische Signale gäbe, die sein Interesse steigern würden,
wie z.B. "Schau, was für ein schönes Auto!", o.ä.
Stattdessen kommentiert sie Gabriels Spiel mit einem "Hallo"
- eine sowohl vom mitgeteilten Inhalt als auch von der Sprachmodulation
nicht optimal passende akustische Begleitreaktion. Ihr "Hallo"
klingt eher erregungssteigernd und wirkt von der Vitalitätskontur
her ein wenig brüsk. Gabriel bräuchte in seiner Affektlage eher
ein akustisches Signal, das eine erregungssenkende und beruhigende Charakteristik
aufweist. Es folgen wieder einige Küsse auf die Stirn, die nicht
den gewünschten Effekt der Beruhigung Gabriels bringen.
Fünfte Episode: Gabriels Mutter geht
auf Distanz und schaut Gabriel erwartungsvoll an
0.28 - 0.34
Verständlicherweise ist Gabriels Mutter mittlerweile verunsichert.
Die für sie ungewohnte Situation vor laufender Kamera mag dabei eine
gewisse Rolle spielen. Weiterhin hält sie Gabriel in ihren Armen,
während er sich mit seinen Händen mit dem Spielgegenstand beschäftigt
und sich zunehmend ein Stück weiter weg von ihr bewegt, mehr Distanz
zu ihr einnehmen möchte, wie man an kleinen Bewegungen in seinem
Rumpf sehen kann. Er ist ganz von der Beschäftigung mit dem Spielzeug
gefangengenommen, auch wenn er weiterhin raunzt und unruhig ist. Wie reagiert
Gabriels Mutter auf seine neuerliche Wegbewegung?
Sie nimmt nun selbst mehr körperliche Distanz ein, neigt ihren Rumpf
noch weiter in Rückenlage zurück und beendet den "joint
focus" von sich aus, indem sie ihren Blick vom Spielobjekt wegwendet
und sich Gabriels Gesicht voll zudreht. Ihr Gesichtsausdruck zeigt ihre
Verunsicherung, und sie blickt Gabriel an, als erwarte sie eine Klärung
oder ein eindeutiges Signal von ihm, was sie tun könnte. Eine solche
Klärung kann Gabriel natürlich nicht liefern, außer dass
er unentwegt akustische Signale von sich gibt, die seinen Stimmungszustand
verdeutlichen sollen. Auf seine Weise kommuniziert er laufend, kann aber
seine Mutter nicht erreichen, und da sie seine Äußerungen nicht
versteht, kann sie nicht angemessen antworten und Gabriel beruhigen. Im
Gegenteil, seine Unruhe steigert sich.
Mehr und mehr wird deutlich, dass dieser Mutter, so bemüht sie um
ihren Sohn ist, nur ein eingeschränktes Spektrum an Fähigkeiten
zur Verfügung steht, Gabriel auf dieser Ebene der Interaktion, bei
der es um Abstimmung im unmittelbaren Kontakt geht, wirksam zu helfen.
Beispielsweise könnte sie ihre Stimme auf verschiedene Weise modulieren,
um ein besseres affektives Echo zu erzeugen. Sie könnte in einem
ersten Schritt durch Nachahmen der Lautäußerungen Gabriels
versuchen, sich einen Eintritt in seine Gefühlslage verschaffen.
Gabriel würde das Imitieren seiner eigenen Laute durch die Stimme
seiner Mutter bemerken, er würde ihre Reaktion wahrscheinlich zunächst
als positives Gespiegelt-Werden auffassen. In einem zweiten Schritt könnte
die Mutter versuchen, durch schrittweises Senken ihrer Lautfrequenz und
Lautstärke Gabriels Zustand allmählich nach unten hin zu regulieren,
was im allgemeinen eine hohe Chance der Beruhigung unruhiger Babies bietet.
An sich ist ein solches mütterliches Imitations- und Affektregulationsverhalten
spezifisch für das Säuglingsalter, es hätte aber auch in
der hier vorhandenen Situation von Gabriels angeschlagenem Gesundheitszustand
und seiner labilen Affektlage gute Chancen, seine Erregung zu senken.
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Sechste Episode: Die Mutter bietet Gabriel
ein neues Spiel an
0.34 - 0.48
Auch wenn Gabriels Mutter im Bereich des unmittelbaren
nonverbalen Dialogs nur begrenzt in der Lage ist, sich auf ihren Sohn
wirkungsvoll einzustimmen und seine Affektlage in eine positive Richtung
zu korrigieren, so ist sie doch bemüht um ihn. Im nächsten Schritt
schlägt sie Gabriel ein neues Spiel vor: Bauklötzchen verschiedener
Formen und Farben sollen in ein Holzkistchen mit Löchern unterschiedlicher
Formen, passend zu den Formen der Bauklötzchen, hineingesteckt werden.
Gabriels Aufgabe in dieser Spielsituation besteht darin, die unterschiedlichen
Formen der Bauklötzchen mit denen der Löcher zu vergleichen
und das jeweils passende Loch herauszufinden, um dann das Bauklötzchen
ins Kistchen zu befördern. Die Mutter ergreift in dieser Aktionssequenz
sehr klar die Führung. Mit ihrer rechten Hand greift sie nach dem
Spielzeug und stellt es vor Gabriel auf, in ihrem linken Arm hält
sie weiterhin Gabriel und bringt ihn in Spielposition. Sie ergreift ein
Bauklötzchen und bietet es Gabriel an.
Es handelt sich bei diesem Spielangebot, bei dem ein
"drittes Objekt" in die Interaktion eingeführt wird, um
ein fundamentales affektmotorisches Verbindungsschema, und Gabriel nimmt
das Spielangebot sofort an. Vom Handlungsaspekt betrachtet stellt die
Mutter hier sehr direkt und für Gabriel gut nachvollziehbar eine
trianguläre Struktur her, und Gabriel antwortet mit einem ebenso
klaren gestischen "Ja". Die atmosphärische Qualität
bzw. Vitalitätskontur ihres Angebots, sowohl akustisch als auch bewegungsmäßig,
hat jedoch eine ähnlich brüske Note wie das "Hallo"
in der vierten Episode. Mit einem plötzlichen "Da" kommentiert
sie ihr Angebot, parallel zu einer ebenso raschen Armbewegung. Die Erregungskurve,
die der Bewegung und der akustischen Begleitung zugrunde liegt, hat neuerlich
eine eher aufsteigende Tendenz, und durch dieses nonverbale "Wie"
ihrer Bewegung fördert Gabriels Mutter unbewusst die Unruhe ihres
Sohnes, auch wenn man davon ausgehen kann, dass sie auf bewusster Ebene
sicher das Gegenteil erreichen möchte.
Als es Gabriel dann auf Anhieb nicht gelingt, das
Bauklötzchen durch ein Loch hindurch zu befördern, wirft er
dieses sichtlich verärgert weg, begleitet von frustrierten Lautartikulationen.
Gabriels Mutter kommentiert das Missgeschick mit einem "Oje",
das einen leicht tadelnd-kritischen Unterton beinhaltet, und auch dieses
"Oje" steigert Gabriels Frustration nur noch weiter. Er bäumt
sich auf und streckt den gesamten Rumpf senkrecht nach oben, begleitet
von einem wütend-weinerlichen Schreien.
Siebente Episode: Gabriels Mutter verändert
ihre und seine Sitzhaltung
0.48 - 0.58
Aber diese Mutter gibt nicht auf! Und nun findet sie
den Schlüssel, wie sie Gabriel effektiv beruhigen kann. Sie verändert
zunächst ihre Körperhaltung, indem sie sich selbst aufrecht
und bequem auf den Boden setzt, leicht angelehnt an eine Couch, die hinter
ihr steht. Sie hat sich auf diese Weise selbst Unterstützung verschafft,
und so unterstützt kann sie Gabriel auf bessere Weise als zuvor einen
Spiel-Raum zur Verfügung stellen. Sie setzt Gabriel zwischen ihre
abgewinkelten Beine auf den Boden, so dass er sich mit seinem Rücken
an ihrer Bauchseite anlehnen und körperliche Unterstützung von
ihr erfahren kann. Der nun entstandene Körperkontakt ist nun offensichtlich
stimmig für Gabriel, beide Interaktionspartner wirken nun von den
eingenommenen Körperhaltungen her sichtlich entspannt, und Gabriel
ist aufgrund der nun viel besseren körperlichen Ausgangslage in seinen
Kopf- und Armbewegungen frei, das Bauklötzchenspiel, mit einer kleinen
Hilfe durch seine Mutter, positiv und erfolgreich zu bewältigen.
Sofort beruhigt er sich, wird still und gibt sich ganz dem Spiel hin.
Achte Episode: Bauklötzchenspiel
- Gabriels Stimmungszustand stabilisiert sich
0.58 - 1.50
Als es Gabriel gelingt, ein Bauklötzchen erfolgreich
in ein Loch einzuführen, sagt seine Mutter:
"Super!" - von der Stimmmodulation her zum ersten Mal freudig
und bestätigend. Auch das Timing des verbalen Begleitkommentars ist
optimal - kurz nach Gabriels erfolgreicher motorischer Aktivität.
Beiden gelingt es in der Folge gut, einen gemeinsamen Aufmerksamkeitsfokus
zu entwickeln, und auch wenn Gabriels Mutter hin und wieder ihren Kopf
zu ihm hindreht und ihr Gesicht vor sein Gesicht schiebt, sich also deutlich
in seinen Fokus hineindrängt, gelingt es beiden, eine befriedigende
Spielsituation beizubehalten. Man kann in der Folge sehen, dass Gabriel
sich konzentriert mit den Bauklötzchen beschäftigt, seine Mutter
im Rücken, und dass sich seine Affektlage entscheidend verbessert
und stabilisiert, auch wenn er gelegentlich hustet.
Bilanz und Schlussfolgerungen
Aus dem Verlauf dieser knapp zweiminütigen Interaktion
kann man schlussfolgern, dass Gabriels Mutter größere Fähigkeiten
hat in Bereichen, die erst später im Leben des Kindes wichtig werden
- also im Bereich des konkreten Spiels, wahrscheinlich auch der Sprache.
Hingegen ist diese Mutter in Bereichen basaler physisch-akustischer Affektregu-lation
weniger kompetent, zumindest in der hier beschriebe-nen Situation: das
Modulationsspektrum ihrer akustischen Begleitkommentare ist zeitweilig
eingeschränkt, ihre Fähigkeit, Gabriels Körperhaltung intuitiv
optimal an die jeweilige Situation anzupassen ist begrenzt. Die frühe
körperlich-stimmliche Interaktion, das basale Urgestein der Erfahrung
(Stern, 1992), ist vermutlich nicht der bei ihr am besten entwickelte
Teil, und folglich ist sie in diesem Be-reich weniger effektiv in der
positiven Regulation von Gabriels Affektzustand. Allerdings ist einzuschränken,
dass diese kurze Interaktion sicher nur ein Teilausschnitt aus dem gesamten
Interaktionsrepertoir zwischen Gabriel und seiner Mutter darstellt. Auch
der Einfluss des Vaters und von Gabriels Schwester bleibt in dieser Darstellung
unberücksichtigt.
Geht man jedoch davon aus, dass sich Interaktionsmuster
wie die hier beschriebenen genügend oft wiederholen und einen repräsentanzenbildenen
Einfluss haben, könnte man daraus schließen, dass für
Gabriel zeitlebens der Bereich der unmittelbaren Körperkontakte und
die Welt der basalen Erfahrung auf der Körperebene kein Erfahrungsbereich
ist, in welchem er sich ausreichend gut verankert fühlt und der ihm
daher künftig als Ressource zur Verfügung stehen könnte.
Möglicherweise würde ihm dieser Bereich der positiven Verankerung
in seinem Körper aber nicht speziell fehlen, weil es sich um einen
Erfahrungsbereich handelt, der als "interaktive Realität"
- wie Stern (1992, 1999) eindrucksvoll belegt - durch die zunehmende Dominanz
der Sprachentwicklung und des damit in Verbindung stehenden verbalen Selbsterlebens
vollkommen in den Hintergrund geschoben wird und als parallele Welt zwar
weiterexistiert, aber im wesentlichen im Erwachsenenleben unbemerkt bleibt.
Er gehört dann dem prozeduralen Unbewussten an und reguliert als
Handlungswissen Gabriels Beziehungen im nonverbal-kommunikativen Bereich.
Wie so viele Menschen in unserer postmodernen Zeit der Selbst- und Körperentfremdung
würde Gabriel schon als Kind aufgrund seiner frühen Körpererfahrungen
im Kontakt mit seiner Mutter eine zunehmende Dissoziation zwischen Körper
und Seele entwickeln. Später, als Jugendlicher und Erwachsener, kämen
dann gesellschaftlich-kulturell bedingt laufend andere Momente hinzu,
die diesen Dissoziationseffekt noch verstärken würden. Wie viele
Erwachsene in unserer Gesellschaft würde Gabriel entweder nie oder
erst dann auf einen anderen Erfahrungsbereich aufmerksam werden, wenn
er körperliche Symptome bekäme oder psychosomatisch krank würde.
Aber auch dann hätte er große Schwierigkeiten, diese Körpersymptome
als sinnvolle Signale zu deuten, die auf eine andere, sehr basale Erfahrungsschicht
in seiner Psyche hinweisen. Er würde, wie viele Menschen heutzutage,
in einem kontinuerlichen Zustand der Körperentfremdung leben und
dies nicht einmal merken.
Noch etwas kann man abschließend sagen: Gabriels
Mutter hat sich in mehreren Episoden mit ihrem Kopf wiederholt an Gabriel
heranbewegt, ohne von diesem durch entsprechende Kommunikationssignale
dazu aufgefordert worden zu sein. Wenn sie mir im Gespräch vor der
Videoaufnahme über Gabriel erzählte, er sei an sie fixiert,
er würde sich nur schwer abstillen lassen und sich auch ängstlich
verhalten, wenn sie sich von ihm entferne, dann würde ich aufgrund
der hier vorgestellten Videomikroanalyse der Interaktion die Hypothese
aufstellen: Nicht er ist auf sie fixiert, sondern sie auf ihn.
Schlussfolgerungen für das prozedurale
Unterbewusste
Der Säugling ist mit einem angeborenen Handlungswissen
ausgestattet, seine elterlichen Bezugspersonen mit einer Repertoir instinktiver
pflegerischer Verhaltensweisen. Im interaktiven Wechselspiel des Säuglings
mit seinen primären Bezugspersonen bildet sich das "basale Urgestein"
unserer Erfahrung (Stern, 1992) aus, das uns zeitlebens als prozedurales
oder Handlungswissen im Hintergrund zur Verfügung steht, auch wenn
es durch die zunehmende Dominanz sprachlicher Erfahrung mehr und mehr
in den Hintergrund des Erlebens tritt und nur in speziellen Situationen,
z.B. beim Flirt, im Vordergrund ist. Trotzdem werden im Kontakt mit anderen
Menschen etwa 90 Prozent der ausgetauschten Informationen auf der nonverbalen
Hintergrundebene vermittelt (Stern, 1998b). Der Bereich des prozeduralen
Wissens ist also, wenngleich ständig im Hintergrund, die eigentlich
dominierende Ebene, auf der sich Kontakt vollzieht, auf der sich entscheidet,
ob wir zueinander finden oder nicht, auch wenn wir vordergründig
verbale Inhalte austauschen.
Im oben dargestellten Fallbeispiel sind wir drei Teilelementen
des prozeduralen Wissens begegnet: affektmotorischen Schemata (Bindungs-
und Differenzierungsschemata), Körperstrategien des Säuglings
und "space-and-time-structuring Schemas" der Eltern. Seit Stern
(1992) wissen wir, dass wir schon sehr früh von einem mentalen Niederschlag
früher interaktiver Prozesse im "motorischen Gedächtnis"
des Säuglings ausgehen können; Sterns "Rigs" (Interaktionsrepräsentanzen)
schließen eine motorische ebenso wie eine affektive Komponente mit
ein und sind als frühe durchschnittliche Erwartungswerte der Umwelt
gegenüber, als präsymbolische Formen von Repräsentanzen
aufzufassen. Aufgrund der angeborenen Fähigkeit des Säuglings,
Verhaltensmuster zu erkennen und in Prototypen zu kategorisieren, bilden
sich Schritt für Schritt "motorische Überzeugungen"
aus. Der Säugling greift dabei auf bestimmte primäre Bedeutungen,
die mit Charakteristika von Bewegung und Zeitverlauf in Verbindung stehen,
zurück, die er unmittelbar wahrnimmt. Stern (1999) benutzt zur Illustration
dieser primären Bedeutungen gern die Metapher der Musik. Wenn wir
Musik hören, nehmen wir bestimmte Charakteristika wahr, die bei uns
bestimmte Empfindungen wachrufen, die bei den meisten von uns wahrscheinlich
recht ähnlich sind. Sie haben mit einem Steigen und Sinken von Erregungen
zu tun, wie sie durch die zeitliche Folge von Klängen entlang einer
melodischen Linie in uns ausgelöst werden. Gleichzeitig versuchen
wir, die musikalische Phrase zu fassen, um Wiederholungen derselben und
Variationen von ihr zu erkennen. Ähnlich ist es beim Säugling:
Die eigenen Bewegungen und die seiner Eltern folgen in der Interaktion
bestimmten Erregungskurven, die mit den qualitativen Aspekten von Bewegungen
in Verbindung stehen, mit den sog. "Vitalitätskonturen"
(Stern, 1998a) - Qualitäten wie aufwallend, verblassend, explosionsartig,
anschwellend, berstend, ziehend usw. Die Vitalitätskontur einiger
Bewegungen und Lautäußerungen von Gabriels Mutter hatte eindeutig
eine abrupt-brüske Note, die von Gabriel gespürt wurde. Die
vitalen Aspekte von Bewegungen beinhalten somit bestimmte implizite Bedeutungen,
die vom Baby unmittelbar wahrgenommen werden. Hinzu kommt die Fähigkeit
des Babys Muster zu erkennen; auch sie ist angeboren. Wir verfügen
somit - genetisch bedingt - über ein Handlungswissen, das primär
keiner kognitiven Bearbeitung bedarf, sondern sofort verstanden, in Interaktionsmustern
kategorisiert und in einem eigenen Gedächtnisspeicher registriert
wird.
Frühe Repräsentanzenbildung
Repräsentanzen sind auf dieser frühen Ebene
sehr wahrscheinlich nicht Vorstellungen und auch nicht Fantasien, da die
Forschungsbefunde bisher keinerlei Hinweise auf eine frühe Fähigkeit
des Säuglings zur Fantasietätigkeit erbracht haben. Vielmehr
stellen wir uns die ersten Repräsentanzen als unbewusste interaktionelle
Organisationsstrukturen vor, die auf frühe, teilweise noch diffuse
Eindrücke von der Körperoberfläche, aus dem Körperinneren,
von Affekten, Stimmungen und Vitalitätsparametern zurückgehen
und die zu bleibenden Erfahrungsstrukturen gerinnen, auch wenn sie durch
spätere Erfahrungen überlagert und teilweise modifiziert werden.
Man kann also davon ausgehen, dass prozedurales Handlungswissen zur Ausbildung
der Vorstufen von Selbst- und Objektrepräsentanzen entscheidend beiträgt
und sich auch in späteren Abstraktionsniveaus als primäre Basis
wiederfinden lässt. Der Säuglings nimmt dabei sehr wahrscheinlich
die Realität zunächst so wahr, wie sie ist. Frühe Formen
der Abwehr und Realitätsverzerung, wie sie z.B. die kleinianisch
orientierte Psychoanalyse unterstellt, konnten aus der Sicht der Säuglingsforschung
bislang zumindest nicht nachgewiesen werden. Später, vor allem ab
der beginnenden Fähigkeit zu einem narrativen Selbsterleben mit etwa
drei Jahren, wird die von ihm ursprünglich unmittelbar erlebte Wahrheit
durch narrative Kokonstruktionen, die er gemeinsam mit den elterlichen
Bezugspersonen erarbeitet, umgestaltet und taucht im Zuge regressiver
Prozesse in der Therapiesituation als Fantasie oder auch Körpererleben
auf, "trotzdem würden wir davon ausgehen, dass der Kern der
Fantasie, wie verzerrt sie auch sein mag, in den meisten Fällen eine
objektive Wahrheit birgt" (Downing, 1996, S. 132).
Dass der Säugling in den Interaktionen, die zwischen
ihm und seinen Eltern stattfinden, im Rahmen der ihm zur Verfügung
stehenden Möglichkeiten von Anbeginn an einen aktiven Part einnimmt,
konnte mittlerweile durch viele experimentelle Befunde belegt werden.
Von wichtigen Interpreten der Säuglingsforschung, wie Dornes, werden
dabei in erster Linie psychische Prozesse, wie z.B. Spiegelungsvorgänge
(Dornes, 2000) fokussiert und in ihrer Auswirkung auf die therapeutische
Praxis kommentiert. Dass die frühen Interaktionsprozesse aber wesentlich
körperliche Vorgänge darstellen, und dass sich daraus wesentliche
Schlussfolgerungen für körperbezogenes psychotherapeutisches
Arbeiten ableiten lassen, wird im Detail erst beginnend rezipiert. Downings
Beschreibung der Körperregression (Downing, 1996) ist ein Beispiel
dafür. Dabei beziehen sich körperbezogene Therapieverfahren
wie z.B. analytische Körperpsychotherapie wesentlich auf diese frühe
Körperselbst-Ebene und setzen an spontanen "Körperassoziationen"
an, die im therapeutischen Prozess in dafür geeigneten Settings auftauchen.
Am Rande sei vermerkt, dass man sich dabei unbewussten Prozessen von beiden
Seiten - sowohl von der Seite der Abwehr als auch der des Impulses - nähern
kann. Körperregressive Prozesse sind dafür manches Mal ein eindrucksvolles
Beispiel.
Babies beginnen sofort nach der Geburt, bestimmte
mimische Bewegungen ihrer Eltern zu imitieren, wenn diese ihnen dazu ausreichend
Anregung und Unterstützung geben. Die detaillierte Analyse von Videoaufnahmen
bringt ans Tageslicht, dass es sich bei diesen Imitationen nicht um automatische
Reflexbewegungen handelt, sondern dass das Baby verschiedene Bewegungen
ausprobiert und wiederholt Korrekturen vornimmt. Es spricht einiges dafür,
dass Babys die Vorstellung eines Zielzustandes der Bewegung haben, d.h.
eine mentale Repräsentation desselben. Darüber hinaus scheint
es offensichtlich über eine Vorstellung der aktuell durchgeführten
Bewegungen sowie der Abweichung des aktuellen Zustandes vom angepeilten
Zielzustand zu verfügen, denn es versucht, sich dem angepeilten Bewegungsziel
Schritt für Schritt anzunähern. Imitationsverhalten ist also
kein primitiver Reflex, sondern impliziert ein "motorisches Projekt"
("motor project"), ausgehend von einer Zielrepräsentation
und einem ständigen Vergleich zwischen der Hier-und-Jetzt-Repräsentation
und dem Bewegungsziel (Downing, 1999a), und dies bereits zwei Minuten
nach der Geburt! Solche motorischen Projekte machen als hypothetische
Annahme aber nur dann Sinn, wenn man von einem aktiven Säugling ausgeht
- einem Säugling, der wahrscheinlich ursprünglich aus Überlebensgründen
von Anbeginn an interessiert ist, die soziale Interaktion mit den primären
Bezugspersonen selbst zu gestalten.
Prozedurales und dynamisches Unterbewusstsein
Das Handlungswissen, welches in der Interaktion zwischen
Gabriel und seiner Mutter den beidseitigen Dialog auf einer präverbalen
Ebene ermöglichte, ist in einem deskriptiven Sinn unbewusst. Das
Unterbewusstsein, von dem hier die Rede ist, unterscheidet sich erheblich
von dem dynamischen Unterbewusstsein, wie wir ihm in der Tiefenpsychologie
begegnen. Tiefenpsychologische therapeutische Ansätze und insbesondere
die Psychoanalyse gehen von der Existenz einer primär konflikthafte
Psyche aus. Im klassischen Fall ist damit ein intrapsychischer Konflikt
gemeint: z.B. trifft ein sexueller Impuls auf ein zensurierendes Über-Ich,
und das Ich antwortet mit der Abwehrleistung der Verdrängung. Kann
man in der Therapie die Abwehr des Patienten bearbeiten und den darunter
liegenden Impuls freilegen, geht das dabei zur Darstellung kommende psychische
Material in explizites Wissen über: "Explizites Wissen ist verbal,
deklarativ; es handelt sich um Äußerungen zu Dingen; es ist
symbolisch. Explizites Wissen ist bewusstes oder vorbewusstes Wissen,
kann aber auch unbewusst sein. In diesem Fall wäre es verdrängt,
kann jedoch plötzlich wieder auftauchen" (Stern, 1998a, S. 83).
Anders ist es beim prozeduralen Handlungswissen, das
ein implizites Prozesswissen darstellt: "Es ist weder verbal noch
symbolisch. Es ist unbewusst, aber keineswegs irgendwie verdrängt.
Man denkt einfach nicht daran. Es ist auch gar nicht erforderlich, implizites
Wissen in Worte zu fassen. Auch mit einem verbalen symbolischen Verfahren
ist es nicht zu behandeln... Implizites Wissen kommt nicht so leicht an
die Oberfläche, um dann mit Worten benannt zu werden" (Stern,
ebend., S. 83).
Konsequenzen
Auch wenn implizites Wissen weder auf einer verbalen
Ebene repräsentiert noch durch eine verbal-symbolische Therapie gut
erfasst werden kann, so spielt es doch sehr wahrscheinlich bei verschiedenen
psychopathologischen Zustandsbildern präverbaler Herkunft, wie z.B.
Essstörungen (Downing, 1999b) eine entscheidende Rolle. Störungen
in der wechselseitigen Affektabstimmung können den Boden für
psychische Fehlentwicklungen vorbereiten (Stern, 1992) und verlangen angemessene
therapeutische Zugänge. Da sie in einer Entwicklungsperiode entstehen,
in der dynamische Prozesse wie Abwehrvorgänge wahrscheinlich noch
keine Rolle spielen, können die maßgeblichen psychischen Strukturen
auch nicht durch ein psychotherapeutisches Verfahren angegangen werden,
das sich auf die Bewusstmachung und partielle Aufhebung von Abwehrstrukturen
durch Abwehr- und Widerstandsanalyse stützt, wie das z.B. in der
Psychoanalyse, aber auch in neoreichianischen Körpertherapien der
Fall ist.
Bewegungs- und körperorientierte Verfahren sind
hier häufig indiziert, nicht unbedingt um all das präverbale
Wissen einer verbalen Bearbeitung zugänglich zu machen, jedoch um
frühe und der gegenwärtigen Situation unangemessene "Gefühlsheuristiken"
(Dornes, 2000) zumindest spürbar und implizit einer Korrektur zugänglich
zu machen. Bei diesen therapeutischen Ansätzen geht es mehr um eine
gezielte Ausrichtung der Aufmerksamkeit des Patienten auf körperliche
Vorgänge und damit verbundene seelische Prozesse. Stern (1995) fokussiert
im "mikroanalytische Interview", das in einigen Aspekten mit
humanistischen und körperorientierten Zugangsweisen zum Patienten
auffällig übereinstimmt, weitgehend formale Aspekte des Verhaltens
und fördert auf diese Weise implizites Handlungswissen zutage. Nicht
die schrittweise Analyse der Abwehr ist hier der entscheidende technische
Aspekt, sondern der Ansatz an der Bewegung, in der sich ein Impuls ausdrückt,
und der Ansatz an anderen formalen und atmosphärischen Details im
menschlichen Verhalten - "wie" sich jemand verhält. Es
ist dabei, so Stern, entscheidend wichtig, die psychoanalytische Technik
der freien Assoziation zu unterbrechen, weil assoziative Gedanken den
Patienten von den formalen Aspekten in der Regel eher wegführen.
Vielmehr muss die Aufmerksamkeit des Patienten im Bereich formaler Aspekte,
wie Bewegung, Körperhaltung, Atmung usw. gehalten werden, was ein
eher aktives Vorgehen des Therapeuten erforderlich macht.
Nimmt man die Bedeutung prozeduralen Wissens ernst,
kommt ebenso der Subjektivität des Therapeuten ein großer Stellenwert
bei. Seine Gestik, Mimik, der Tonfall seiner Stimme, die Vitalitätskontur
seiner Bewegungen - all dies sind Parameter, die den therapeutischen Prozess
steuern. Konzentriert man sich beim Patienten auf diese Prozesse, muss
man diese, zumindest bei einem psychoanalytisch orientierten Vorgehen,
unweigerlich auch in der Wahrnehmung und Handhabung der eigenen Gegenübertragung
mitberücksichtigen. Eine neue Dimension des Sich-Einlassens seitens
des Therapeuten ist hier angesprochen, als Gegenstück zu einer Haltung
von Neutralität, und ebenso die Möglichkeit, dadurch in positiver
Weise auf den Patienten einzuwirken. Einer unaufdringlichen Form einer
positiven emotional-korrigierenden Erfahrung gerade im Mikrobereich affektiv-körperlicher
Abstimmung zwischen Patient und Therapeut kommt dabei m.E. eine große
Bedeutung zu, selbst wenn die psychotherapeutische Vorgangsweise unmittelbaren
körperlichen Kontakt gar nicht einschließt. Die körperlich-affektive
Affektregulation vollzieht sich genauso im Bereich anderer Kanäle,
z.B. in der Qualität des akustischen und des visuellen Kontakts,
sie bedarf nicht unbedingt und immer taktiler Komponenten. Aus einer solchen
Betrachtung heraus ist jede Psychotherapie auch Körperpsychotherapie.
Fazit für die Praxis
Psychotherapie ist wesensmäßig ein Beziehungsgeschehen,
und diese Beziehung vollzieht sich, neben dem Austausch verbaler Inhalte,
weitgehend auf einer impliziten affektiv-körperlichen Ebene wechselseitiger
Regulation, Abstimmung und Aushandlung. Tiefenpsychologische Therapien
können künftig profitieren, wenn sie die nonverbal-interaktionelle
Erlebensdomäne in Theorie und Technik stärker als bisher miteinbeziehen
und die damit verknüpften therapeutischen Implikationen, z.B. bei
der Ausbildung neuer Repräsentanzen, neu diskutieren. Sie sollten
sich auch nicht scheuen, manche ihrer Konzepte, die zu sehr im Widerspruch
zur zeitgenössischen Säuglings- und Kleinkindforschung stehen,
zu modifizieren oder zu verwerfen. Eine um den Körper- und Handlungsaspekt
erweiterte psychoanalytische Therapie, wie gegenwärtig analytische
Körperpsychotherapie, kann so das Spektrum behandelbarer Patienten
erweitern. Allgemein verdienen körperlich-handlungsmäßige
Prozesse, die das basale Urgestein unserer Erfahrung bilden, eine ausdrückliche
Würdigung und sollten in ihrer Bedeutung im Vergleich zur sprachlichen
Kommunikation neu bewertet werden. In einer Zeit zunehmender Körperentfremdung
wird eine solche Neubewertung immer wichtiger. Eine künftig interessante
Aufgabe für die Forschung wird darin bestehen, den Stellenwert dynamisch-unbewusster
und implizit-unbewusster Prozesse im Verhältnis zueinander genauer
zu bestimmten und im Hinblick auf Therapiewirkeffekte zu untersuchen.
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