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VOLKER KNAPP-DIEDERICHS

Franz Anton Mesmer —
Pionier der modernen Körpertherapien

Auf dem Höhepunkt seiner Popularität war er berühmt wie ein König oder Kaiser. Die Bibliographie des "animalischen Magnetismus", erschienen im Jahr 1800, zählte über 1.000 Titel. Doch mit jedem Jahr wuchs das Nichtwissen über das Wesen, die Essenz seiner Entdeckung. Als er 1815 starb, war er vergessen. Schüler praktizierten seine Methode, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, überall auf der Welt. "To mesmerize" ging in den englischen Wortschatz ein und wird bis in die heutige Zeit als Urform der Hypnose dargestellt. Doch Franz Anton Mesmer (1733—1815) ging es um etwas anderes, nämlich um eine ganzheitliche Heilungsmethode. Sein Fokus war die Bewegung der Lebensenergie im menschlichen Organismus und in der Natur, seine Methode ihre körpertherapeutische Beeinflussung. Franz Anton Mesmer war der erste ganzheitliche Körpertherapeut der neueren Zeit.

Die moderne ganzheitliche Körpertherapie erfreut sich wachsender Verbreitung und Popularität. Vor nicht allzu langer Zeit noch eine belächelte Außenseitermethode, ist es schwieriger geworden, sie zu ignorieren. Freunde und Feinde nehmen zu.

Patienten oder Klienten, je nach Lesart der entweder medizinisch oder psychologisch orientierten Traditions-linien, in denen die Körpertherapie praktiziert wird, suchen in ihr erwartungsfroh eine Alternative zur Verhaltens-psychologie oder Tiefenpsychologie. Die Popularität wächst langsam aber stetig von unten, aber die wissenschaftliche Elite zögert oder verhält sich abwartend bis ablehnend dieser Methode gegenüber. Die traditionelle Kluft von Therapiepraktikern und Therapieforschung ist hier längst nicht überwunden. Aber das ist ja ein alter Hut.

Wenn wir die Frage danach stellen, was denn das Besondere der Körpertherapie ausmacht, so ließe sich als Antwort formulieren, dass ihr ein bestimmtes Menschen-bild, ein spezifisches Modell des Körper-Seele-Zusammen-hangs zu eigen ist, welches sich nicht nur von anderen psychologischen und psychotherapeutischen Modellen unterscheidet, sondern, zu Ende gedacht, auch den unserer Kultur zugrunde liegenden anthropologischen Konsens potentiell in Frage stellt.

Lebensenergie, als allgemeines Wirkprinzip der Natur und Fundierung eines ganzheitlichen Menschen- und Natur-modells, hat in diesem Konsens keinen Platz, existiert nicht, und wenn, dann nur in den Hirnen weniger Wirr-köpfe. Wilhelm Reich (1897—1957) gilt in unserem Jahrhundert als ein solcher Wirrkopf, der, ohne seinen Vorläufer Mesmer zu kennen, bis in Details überein-stimmende Vorstellungen über die Funktionsgesetze dieser Lebensenergie formulierte.

Mit F. A. Mesmer beginnt bemerkenswerterweise aber nicht nur die Geschichte der Psychotherapie, wie es der Wissenschaftshistoriker Henry F. Ellenberger feststellt:

"Am schicksalhaften Wendepunkt ... stand also 1775 Franz Anton Mesmer, den man bisweilen mit Kolumbus verglichen hat. Sie haben beide eine neue Welt entdeckt; beide blieben für den Rest ihres Lebens im Irrtum über die wahre Natur ihrer Entdeckungen, und beide starben als bitter enttäuschte Männer." (1)

Mit Franz Anton Mesmer beginnt auch die Geschichte der modernen Körpertherapie. Wie hier bei Ellenberger, so enthält die offizielle wissenschaftliche Lesart zwei mehr oder weniger bedeutsame Simplifizierungen:

Die eine, bedeutsame, ist, in F. A. Mesmer den Entdecker der Hypnose zu sehen und damit den Urvater der dynamischen Psychologie. Dies wird, wie u.a. auch von Ellenberger, damit verknüpft, Mesmers lebensenergetisches Modell des sog. animalischen Magnetismus (2) abzuwerten, als Suggestion oder Scharlatanerie abzutun, statt es einer ernsthaften Diskussion oder sogar Überprüfung anheim zu stellen. Ganz ähnlich, wie es zwei Jahrhunderte später dem Modell der von Wilhelm Reich postulierten Orgonenergie geschah. Wenn die von Mesmer postulierte Lebensenergie des sog. animalischen Magnetismus nicht existiert, dann lassen sich seine Heilungen nur mit einem anderen System erklären, und dieses ist naheliegenderweise dann ein System von Suggestion, die Hypnose.

Ein wichtiges Argument, das die Lesart, in Mesmer den Urvater der Hypnose zu sehen, unterstützt, ist die Tatsache, dass sein wichtigster und wohl bekanntester Schüler, der Marquis de Puységur, tatsächlich den künstlichen Somnambulismus entdeckte und noch zu Mesmers Lebzeiten ein entsprechendes Modell des Mesmerimus popularisierte, das sich grundlegend vom lebensenergetischen Ansatz Mesmers unterschied.

Der andere unbedeutendere, aber psychologisch aufschlussreiche Mythos, der in obigem Zitat zum Ausdruck kommt, ist die Annahme eines am Lebensende "bitter enttäuschten" Mesmers. Dass dies so nicht stimmt, werde ich auf Grundlage der von mir angeführten Quellen zeigen können, die darauf hindeuten, dass die letzte Lebensphase Mesmers ebenso ungewöhnlich war wie sein vorangegangenes Leben, aber alles andere als "bitter".

  • Was Mesmer so bedeutend macht und ihm den ersten Platz in einer illustren Reihe berühmter Körper- und Psychotherapeuten verschafft, könnte man folgendermaßen skizzieren: Mit Mesmer beginnt die Geschichte der Psychotherapie als einer Methode, in der die Erkrankungen des Körpers und der Seele noch nicht als getrennt behandelt werden. Das methodische Bindeglied ist hier das Modell der Lebensenergie, die Mesmer als animalischen Magnetismus bezeichnet. Ob seine Methode als Hypnose, Suggestion, Übertragungs-Heilung oder Geistheilung interpretiert wird, ist einzig Lesart seiner späteren Interpreten. Mesmer selbst jedenfalls war sein Leben lang davon überzeugt, mit magnetisch-energetischen Kräften zu arbeiten und hat seine Theorie und Praxis allein auf dieser Grundlage entwickelt.
  • Die Beschreibungen seiner Methode legen allerdings nahe, dass Mesmer mit therapeutischen Handwerkszeugen meisterlich umzugehen pflegte, die in den späteren Entwicklungen der Psychotherapie entscheidende Funktionen übernahmen: Katharsis (= Krisis bei Mesmer), Regression (= magnetischer Schlaf), Übertragung (= Rapport).
  • Mit Mesmer betritt zum ersten Male ein Pionier der Körper-Seelen-Therapie die historische Bühne, der eine Jüngerschaft um sich schart, zum Gründer einer eigenen Schule wird, die über seine Zeit hinaus eine eigenständige Traditionslinie Therapie bildet. In der Tat existieren bis heute sog. Magnetiseure, die sich auf Mesmer berufen.
 

  • Solche Dualität von Therapeut und Schulengründer wird in der Persönlichkeit Mesmers verflochten durch ein gehöriges Maß an Sendungsbewußtsein und Grandiosität, jedenfalls solange er im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand. Wohl keiner seiner Nach-folger mit Ausnahme von Freud erreichte solche Popularität, wurde so heiß verehrt und so blindwütig gehasst wie Mesmer. In Übereinstimmung mit den meisten Pionieren findet sich Mesmers Überzeugung vom revolutionären Charakter seiner Erkenntnisse für die Wissenschaften vom Menschen.

Werfen wir also einen genaueren Blick in das Leben und Werk des Franz Anton Mesmer. Er wurde am 23. Mai 1734 als Sohn eines im kirchlichen Dienst stehenden Jägers in Iznang am Bodensee geboren. Das Haus seiner Geburt existiert noch und ist mit einer Gedenktafel versehen. Franz Anton wuchs weitgehend frei und naturnah auf, streifte als Junge durch die Wälder am Bodensee, entwickelte eine frühe und enge Bindung zur Natur.

Er promovierte 1765 in Wien zum Doktor der Medizin Über den Einfluß der Planeten auf die Gesundheit des Menschen (3), eine Fragestellung, welche Mesmer nicht — wie fälschlicherweise häufig angenommen — aus astrolo-gischer Sicht, sondern durchaus naturwissenschaftlich stellte:

"dass auch im menschlichen Körper die Flut eintrete, sobald durch dieselben Kräfte, durch welche das Meer und die Atmosphäre anschwillt, auch unsere Säfte in ihren Gefäßen in verschiedene Bewegung und in Aufruhr geraten, zu steigen beginnen und in größerer Menge in der Richtung gegen den Kopf getrieben werden. Bei den Pflanzen ist ein Aufsteigen der Säfte zur Zeit des Vollmondes zu bemerken. Und nichts anderes lernen wir aus der Geschichte verschiedener Krankheiten. Die Epilepsie pflegt sich periodisch besonders zur Zeit des Neu- und des Vollmondes einzustellen, weswegen man sie auch die Mondkrankheit nennt."

1767 heiratete Franz Anton Mesmer eine reiche Witwe, was ihm alsbald ermöglichte, in die Elite der Wiener Gesellschaft aufzusteigen. Er verfügte bald über einen prächtigen Landsitz. Musiker wie Gluck, Haydn und die Familie Mozart zählten zu seinen regelmäßigen Gästen. Mesmer selbst spielte das heutzutage nahezu vergessene Instrument der Glasharfe, das er sein Leben lang liebte und später auch bei seinen Heilungsritualen einsetzen sollte.

Die ersten Schritte auf dem Gebiet des Heilers unternahm Mesmer mithilfe von Magneten. Wie in seiner Dissertation angedeutet , galt sein Interesse den magnetischen Einflüssen des Planetensystem. Seine medizinische Grundidee war zunächst, mithilfe von Magneten den Patienten von seinen Symptomen zu befreien, die er als biomagnetische Störungsvorgänge im Organismus interpretierte. Dazu applizierte er Eisenmagneten am Körper des Patienten. Später versuchte er, deren Wirkung zu verstärken, indem er zusätzlich sich selbst mit Magneten ausstaffierte.

Eine neue Stufe seiner Heilungstechnik war erreicht, als er, etwa im Jahre 1774, entdeckte, dass gleichartige Wirkungen auch ohne die Applizierung derartiger Magneten auftraten. Sollte er selbst magnetisch sein? Sein Modell des animalischen Magnetismus gewann an Gestalt: Er nahm an, dass eine Lebensenergie in allen belebten Lebensformen ebenso wie im belebten Äther des Kosmos fließt. Ungleichgewichte und Disharmonien dieses biologischen Magnetismus führten zu Krankheiten. Heilung fand statt, wenn diese Lebensenergie ihr Gleichgewicht durch die Methoden des Magnetiseurs wiederfand. Die Beschreibungen seiner Interventionen deuten darauf hin, dass Mesmer sowohl mit direkter Berührung als auch in wachsendem Umfang mit Techniken zur Beeinflussung der Aura, den sog. mesmerschen Strichen, arbeitete.

Aus diesen sollte sich in den nachfolgenden Generationen die typische Handbewegung zur Tranceinduktion in der Hypnose entwickeln. Ein weiteres bemerkenswertes wissenschaftshistorisches Detail: Mesmer beschrieb und betonte die Wichtigkeit einer dramatischen Phase der Intensivierung der Symptome, der sog. Krisis. Dieser Begriff sollte, von Mesmer ausgehend, in der Homöopathie Hahnemanns große Bedeutung erlangen.

Spektakuläre Heilerfolge und persönliches Charisma ließen Mesmers Ruf über Wien hinaus in ganz Europa tönen. Manche Ärzte begannen mit seinen Methoden zu experimentieren, aber im professionellen Umfeld überwogen am Ende doch die Gleichgültigen, die Neider, Skeptiker und erbitterten Gegner seiner neuartigen Heilungsmethode.

Der Nimbus Mesmers in der Öffentlichkeit wuchs jedoch unaufhaltsam, auf Reisen in ganz Europa verbreitete sich seine Heilmethode des thierischen Magnetismus und faszinierte die Menschen jener Zeit. Mesmer wurde populär wie ein König, beschäftigte die Phantasien des Volkes und seiner Herrschaften, machte ihn zum umworbenen Gast an fast allen Höfen Europas. Bis in die Neue Welt sollte sein Ruf dringen, Benjamin Franklin zum Beispiel wurde einer der exponierten Anhänger Mesmers in jenen Tagen.

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Anmerkungen:

(1) Ellenberger, Henry. F: Die Entdeckung des Unbewussten, Berlin-Stuttgart-Wien 1973, S. 95 ff.
(2) Der Terminus "animalisch" oder "thierisch" diente Mesmer zur Abgrenzung vom mineralischen Magnetismus, der in jener Zeit erforscht wurde.

 

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