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PETER BOLEN
Arbeit an den Gelenken
Ein systematischer Ansatz
in der Emotionalen Reintegration
Keine mir bekannte körperpsychotherapeutische
Schule legt den Schwerpunkt ihres Körperansatzes auf die Gelenksarbeit.
Wohl gibt es einzelne Ansätze und auch Beobachtungen über Zusammenhänge
zwischen Gelenken und anderen Organsystemen bei anderen Schulen, es fehlt
jedoch der systematische Ansatz unter Einbeziehung der Neurophysiologie
(z. B A-Beta Fasern von Mechanorezeptoren zum Hinterhorn als Leiter von
spinalen Neuronen), der Biokybernetik (zum Beispiel das Reafferenzprinzip
(1) und das Divergenzprinzip (2)) und der Biochemie (Neurotransmitter,
algetische körpereigene Substanzen).
Da ich vor meiner körperpsychotherapeutischen Ausbildung einige
Jahre auf neuro-orthopädischem Gebiet an der Neurologischen Universitätsklinik
Wien gearbeiet habe und eine manualtherapeutische Ausbildung besitze,
galt mein Interesse von jeher der Arbeit an den Gelenken. Schon damals
war mir zum Beispiel aufgefallen, daß nach manual-therapeutischen
Deblockierungen von Gelenken neben vegetativen Reaktionen starke emotionale
Reaktionen auftraten, die allerdings in einer neuro-orthopädischen
Ambulanz wenig Platz hatten, da vom Klienten erwartet wurde, daß
er sich emotional kontrolliert.
Die Kritik an den Erfolgen von plötzlicher Schmerz-unterbrechenung
war das Rezidiv. Die orthopädischen Kollegen versuchten diesem mit
dem Ansatz der Rehablitation zu begegnen, mein Interesse lag in der Erforschung
der psychischen Zusammenhänge.
Da waren zunächst die durch den manualtherapeutischen Eingriff und
den vegetativen Stoß ausgelösten regressiven Zustände
mit starken Emotionen. Die Beschäftigung mit diesen Phänomenen
führte zu den psychischen Ursachen der chronischen segmentalen Muskelanspannung
im Sinne der von Reich beschriebenen Muskelpanzerung, der darausfolgenden
Fehlfunktion, der mechanischen Überanspruchung der Gelenke und der
Bandscheibe im Bewegungssegment.
Ein zusätzlicher unspezifischer Reiz, wie Abkühlung (Reiz über
die segmentalen Thermorezeptoren), eine "falsche" Bewegung (Reiz
über die Nozizeptoren im Gelenk), eine akute emotionale Belastung
(Reiz über absteigende Bahnen von der Formatio reticularis und dem
Limbischen System), führte zur segmentalen Blockierung im Gelenk.
Anders ausgedrückt: Labilisierte Systeme reagieren überschießend
auf Zusatzreize (3).
Die Möglichkeiten der Schmerzbeeinflußung und der spontanen
Deblockierung als Selbstregulation mußten auf umgekehrtem Wege,
also mittels Wärme oder Kälte (Kryotherapie), Manualtherapie
und durch das Auslösen von starken Emotionen, durchführbar sein.
Damals begann meine Arbeit als körperorientierter Psychotherapeut.
Den Ansatz des Be-HAND-elns und den Bereich der Berührung und die
damit auslösbare psychosomatische Reaktion habe ich nie wieder verlassen.
Die Arbeit mit den Händen erscheint mir bis heute das natürlichste
Heilmittel in jeder Therapieform.
Bevor wir uns den neurophysiologischen Grundlagen der Gelenksarbeit zuwenden,
ist es mir wichtig festzuhalten, daß die Muskulatur und das Gelenk
eine untrennbare Funktionseinheit bilden (4).
Reich mußte als aufmerksamer Beobachter auf die festgehaltenen
Emotionen in der Skelettmuskulatur stoßen. Ist doch das Muskelsystem
quantitativ das größte System des Körpers, funktionell
gesehen Ursprung der meisten sensorischen Afferenzen, Haupteffektor aller
sensomotorischen Abläufe und hat damit über die zentrale Vernetzung
wesentlichen Einfluß auf das emotionale Zustandsbild.
Statik und Dynamik der Muskulatur wird durch das sogenannte Gammasystem
gesteuert. Dieses wird in einen peripheren Teil, die Gammaschleife und
eine zentrale Steuerung, nämlich die Formatio reticularis und das
Limbische System eingeteilt.
Allein aus diesen neurophysiologischen Tatsachen ist es verständlich,
warum emotionale Faktoren einen wesentlichen Einfluß auf die muskuläre
Grundspannung, die Körperhaltung und den Bewegungsausdruck besitzen
und, das scheint mir wichtig hervorzuheben, umgekehrt können wir
natürlich über Einflußnahme auf die Muskelspannung, die
Körperhaltung und den Bewegungsausdruck das Limbische System, also
den emotionalen Ausdruck, beeinflussen.
Nicht unerwähnt seien an dieser Stelle auch die Nervenfasern, die
vom Palleostriatum ( Pallidum) zur Formatio reticularis und zum Limbischen
System ziehen (5). Also die Verbindung zwischen Bewegungsautomatik und
Gefühl. Die unterschiedliche Muskeltätigkeit in den verschiedenen
Stufen der Bewußtseinshelligkeit und in verschiedenen emotionalen
Zuständen wird, soweit sie unbewußt ist, vom Pallidum gesteuert.
Der Globus Pallidus ist für die individuelle Ausgestaltung der Psychomotorik
verantwortlich, zum Beispiel eben der Körperhaltung (6).
Ebenso sei hier schon auf die zentrale Bedeutung des Gelenkes hingewiesen,
als Mittler zwischen der seelischen Verfassung und der Gliederstellung,
die ja die Körperhaltung bestimmt.
Obwohl Beeinflußung von Schmerzen und Gelenksblockierungen mit körperorientierter
Psychotherapie möglich, aber nicht das Hauptanwendungsgebiet dieser
Methode darstellt, möchte ich zunächst ein Beispiel über
psychische Ursachen von Gelenksblockierungen aus der Zeit meiner Kliniktätigkeit
bringen, weil es meine erste eindruckvolle Erfahrung mit diesen Phänomenen
darstellt.
Ich selbst litt unter rezidiviernden anfallsartigen Schmerzattacken im
Kreuzbereich, was man im deutschsprachigen Raum einen Hexenschuß
nennt. Auslöser waren offenkundige "falsche" Bewegungen,
organisch lag dem eine Bandscheibenprotrusion zwischen L5 und S1 zugrunde.
Manualtherapeutische Behandlungen und Infiltrationen, aber auch Antirheumatika
vermochten die Schmerzen immer wieder zu beseitigen.
Während eines Aufenthaltes in meinem damaligen Landhaus beschloß
ich, einen nahegelegenen Sandsteinbruch aufzusuchen, um aus dem lockeren
Sand möglichst unversehrt einige junge Föhren zu ziehen, die
ich auf meinem Grund einpflanzen wollte. Als ich fest am ersten Baümchen
anzog, spürte ich plötzlich einen heftigen Schmerz im Kreuz,
war stark bewegungseigeschränkt und konnte nur unter großer
Anstrengung und starken Schmerzen mein Haus erreichen. Ruhigstellung durch
Bettruhe erbrachte leider keine Besserung, sondern völlige Bewegungsunfähikeit
und weiterhin starke Schmerzen.
Kein Manualtherapeut, kein Arzt und kein Antirheumatikum weit und breit,
mein Landhaus lag zwei Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, Telefon
hatten wir damals noch keines. In dieser ungemütlichen Situation,
in der ich mich auf einen längeren Krankenstand einstellte, bekamen
wir Besuch von Linda Smith, einer Trainerin aus meiner Körpertherapieausbildung.
Obwohl ich von der rein mechanischen Ursache und vom organischen Substrat
der Schmerzen, nämlich der lädierten Bandscheibe überzeugt
war, bat ich sie dennoch, ob sie mir nicht irgendwie helfen könnte.
Zu meiner Überraschung begann sie nicht mit der Untersuchung meines
Kreuzes, sondern forderte mich auf, auf dem Rücken liegend zu atmen.
Ihre Hände arbeiteten an meinem Zwerchfell und vorsichtig an meinem
Iliopsoas, beziehungsweise an meinem Hüftgelenk. Plötzlich kam
Traurigkeit in mir hoch und mit starker emotionaler Betroffenheit erinnerte
ich mich an ein schmerzliches Erlebnis aus der jüngsten Vergangenheit,
welches mit dem Tod meines Lieblingshundes zusammenhing.
Das Resultat dieser mir sehr nahegehenden körperpsychotherapeutischen
Arbeit war völlige Bewegungsfreiheit und nur noch geringe Schmerzen.
Wie können wir uns nun genauer neurophysiologisch vorstellen, daß
einerseits ein starkes emotionalen Erlebnis eine Gelenksblockierung und
damit verbunden starke Schmerzen hervorrufen und andererseits das Wiedererleben
und Ausdrücken des Schmerzes selbstregulativ die Gelenksblockierung
aufheben und die Schmerzen lösen kann? Also ohne die klassische manualtherapeutische
Intervention der Deblockierung?
Die Muskulatur als Steuerorgan von Statik und Dynamik wird von einem Regelkreis
gesteuert, dem weiter oben erwähnten Gammasystem. Die Gammaschleife
besteht aus dem beschriebenen segmentalen Bereich aber auch aus dem zentralen
Anteil, der Formatio reticularis und dem Limbischen System. Als Mittelpunkt
des Systems liegen die in der Muskulatur eingebetteten Muskelspindeln
, die in sich noch einen wichtigen Sensor haben, den anulospiralen Rezeptor.
Die Muskelspindeln registrieren analog ihrer Dehnung Längsänderungen
der Muskel und leiten sie über das Hinterhorn zu den großen
Alphamotoneuronen des Vorderhorns weiter, von wo aus als Antwort ein Kontraktionsbefehl
an die Muskulatur zurückläuft, die die Längsdehnung wieder
aufhebt und die Muskelspindel beruhigt. Es gibt außerdem noch eine
Sicherung dieses Systems, die Spannungsrezeptoren in den Sehnen (Sehnenkörperchen),
die erst feuern, wenn der Muskel übermäßig gespannt wird.
Ihre Reizschwelle liegt über der der Muskelspindeln und sorgt für
einen schützenden Spannungabbau dadurch, daß ihre Afferenzen
die Alphamotorneurone hemmen. Dieser letztgenannte Mechanismus sei deshalb
erwähnt, weil er bei rasch intendierten, aktiven und passiven Bewegungen
wirksam wird, die wir etwa in der Progressionsphase der Therapie anwenden
oder zur Unterstützung, um aus hilflosen Gefühlen herauszukommen
und etwa Wut adäquat ausdrücken zu können.
Ein interessantes Erklärungsmodell wären diese neurophysiologischen
Grundlagen aber auch für die gezielten Angriffe auf Gelenke, wie
sie in einer japanischen Kampfkunst, dem Aikido, gelehrt werden. Dabei
wird der Angriff auf das Gelenk sowohl für Immobilisations-techniken
verwendet, wie auch dazu, die Gewalt des Angriffes durch eine cirkuläre
Richtungsbeeinflußung unter Benützung der Angriffsgeschwindigkeit,
gegen den Angreifer selbst zu führen. Dabei werden sowohl die später
unten zu besprechenden Haltungs- und Stellreflexe beeinflußt, als
auch über das Gelenk eine psychische Immobilisation des Angreiffers
herbeigeführt (9).
Doch weiter zu unseren Überlegungen zur Physiologie der Muskulatur:
Da es für die verschiedenen Erfordernisse nicht sinnvoll sein kann,
daß ein Muskel immer dieselbe Ausgangsspannung besitzt, wird eine
entsprechende Anpassung zum Beispiel an den Schlafzustand, eine Höchstleistung
oder an den Zustand angstvoller Erwartung dadurch erzeugt, daß die
Muskelspindel selbst wieder in ihrer Ansprechbarkeit verändert werden
kann.
Dies geschieht durch die Zwischenschaltung des genannten anulospiralen
Rezeptors, der zwischen zwei Muskelbündeln gespannt ist und die Spindel
gegenüber Dehnungsreizen, je nach Vorgabe mehr oder weniger empfindlich
macht. Diese Muskelbündel (intrafusale Fasern) werden durch Efferenzen
der Gammamotoneurone im Vorderhorn gesteuert. Dieses Zusammenspiel zwischen
Spindelafferenzen und Spannungsvorgabe paßt erst den Muskel optimal
an die jeweiligen Erfodernisse an.
Die Gammamotoneurone selbst wieder unterliegen dem Einfluß von Zwischenneuronen,
die über Dehnungsreize aus der Peripherie gehemmt werden können.
Dies ist ein Erklärungsmodell für den Angriffspunkt unserer
langsamen passiven Gelenksbewegungen, die wir in unserer Methode anwenden.
Also einer der Interventionsmöglichkeiten der Körperpsychotherapie
am Gelenk.
Das Gelenk als Fühlerorgan der Körperwahrnehmung besitzt neben
den sogenannten Nozizeptoren zur Schadensmeldung reichlich spezialisierte
sensorische Elemente , wobei zwei Rezeptortypen (Mechano oder Proprirezeptoren)
vorherrschen.
Solche mit schneller Anpassung, die sofort auf Dehnungsreize ansprechen
und die Winkelveränderungen der Gelenke erfassen undlangsam adaptierende
Rezeptoren, die die jeweils eingenommene Gelenkseinstellung des Gelenkes
signalisieren (4).
Die Gesamtheit der Ruhe und Bewegungsfrequenzen, das sogenannte Afferenzmuster
wird zentral verrechnet und wirkt mitbestimmend auf die ununterbrochen
kontrollierte und adaptierte Eigenempfindung (Propriozeption) des Körpers.
Langsam intendierte Bewegungen in Gelenken, welche die Mechanorezeptoren
in den Gelenken reizen, beeinflußen die Kontrollmechanismen, die
eine bestimmte Muskelspannung aufrechterhalten.
Noch genauer betrachtet können wir uns diese Einflußnahme
folgendermaßen vorstellen:
Afferenzen von Nozizeptoren ( A-Delta Fasern und C-Fasern) erregen über
Synapsen Rückenmarksneurone, Verbindungsglieder zu sympathischen
und motorischen Reflexen sowie zu den aufsteigenden Bahnen des Vorderseitenstranges.
Diese Rückenmarksneurone können nun gehemmt werden von:
1.) Spinalen Neuronen. Diese werden beeinflußt von den Afferenzen
der Mechanorezeptoren, die über A-Betafasern ins Hinterhorn ziehen
und bevor sie im Hinterstrang zentralwärts ziehen, auf ein Zwischenneuron
Einfluß haben. Dieses beeiflußt über Vorderhornzellen
die motorischen (die erwähnte Gammaschleife), aber auch die sympathischen
Schmerzreflexe.
Hier sehen wir den Angriffspunkt unserer langsam intendierten passiven
Bewegungen bei radikulären oder pseudoradikulären Schmerzen.
Periphere therapeutische Stimulation der Gelenkskapsel beeinflußt
daher über die A-Betafasern die spinale Aktivität, die nach
Eintreffen im periaquäduktalen Grau wieder über absteigende
Signale die Schmerzhemmung bewerkstelligt
2.) Absteigenden Bahnen vom Hirnstamm (Formatio reticularis), die wieder
ihrerseits mit dem Limbischen System in Verbindung stehen.
Daher kann über starke Affekte eine Entspannung in der Gammaschleife
und eine Schmerzhemmung in der Periperie (im Bewegungssegment) entstehen.
Das Gelenk wird freigegeben und bei der nächsten Spontanbewegung
erfolgt eine selbstregulative Deblockierung.
Umgekehrt kann aber auch, wie bereits beschrieben, über Reizung
von Propriorezeptoren in der Gelenkskapsel das Gammasystem, auch in seinem
zentralen Anteil stimuliert werden.
Ein anderer, nicht minder wichtiger Angriffspunkt
der körpereigenen Schmerzhemmung ist die Ausschüttung von Noradrenalin.
Dieses Streßhormon sensibilisiert einerseits die Schmerzrezeptoren
(Nozizeptoren) direkt durch die Kontraktion glatter Muskeln, also durch
vasomotorische Wirkungen, aber auch durch Freisetzung algetischer Substanzen.
Dies sind körpereigene Substanzen wie Kcl, H+Jonen, Serotonin, Bradykinin
und Prostagladine. Sie wirken schmerzerregend, in unterschwelliger Konzentration
sensibilisierend.
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Da wir wissen, daß Muskelspannung zur Unterdrückung von Gefühlen
verwendet werden kann, ist es verständlich, daß langsame und
sorgfältig durchgeführte passive Bewegungen, wie wir sie anwenden,
plötzlich vorher unterdrückte und kontrollierte starke Gefühle
zum Ausbruch bringen können. Selbstverständlich im Rahmen eines
entsprechenden pychotherapeutischen Settings, welches Gefühlsausbrüche
erlaubt.
Bleiben wir noch kurz bei der Muskulatur.
Eine funktionelle Unterteilung der Skelettmuskulatur in tonisch reagierende
und phasisch reagierende Muskel scheint nicht nur für die Chirotherapie,
die Orthopädie und die Neuroorthopädie sondern auch für
die Körperpsychotherapie wichtig zu sein.
Diejenigen Muskelpartien, die überwiegend stützende, haltungsbestimmende
Aufgaben erfüllen, werden als posturale oder tonische Muskeln bezeichent.
Dies sind zum Beispiel der sternale Anteil des Pectoralis major, der obere
Trapeziusanteil, Flexoren der Hand, der Iliopsoas, der Rectus femoris
oder die kurzen Adduktoren des Oberschenkels.
Ich habe hier bewußt die Muskel aufgezählt, die durch langsame
Bewegungen in den großen Gelenken bewußt stimuliert werden
können. Diese Muskel ermüden langsam, aktivieren leicht und
neigen zur Verkürzung.
Die Muskeln, die gezielte rasche Bewegungen ausführen sollen, werden
phasische Muskeln genannt. Zum Beispiel die kleine Hand und Fußmuskulatur.
Sie ermüden rasch, aktivieren langsam und neigen zur Abschwächung.
Anhaltende und das Muskelsytem schädigende Zustände wie etwa
Muskelblockierungen im Sinne Reichs betreffen die tonische Muskulatur.
Interessant ist es auch zu wissen, daß die Antagonisten dieser Muskel
dann zur Abschwächung neigen. Ein noch genaueres Eingehen darauf
soll einem weiteren Artikel vorbehalten bleiben.
Die systematische Anwendung der Gelenksarbeit in der
Emotionalen Reintegration bezeiht sich primär auf die Arbeit mit
sogenannten "soft struktures" (Radix), also Körperstrukturen,
deren Abwehr nicht durch Muskelpanzerung an der für den Körperpsychotherapeuten
leicht zugänglichen Körperoberfläche manifest wird. Bei
solchen Körperstrukturen bieten sich als Körperansatz nicht
die Muskelmaximalpunkte der "gepanzerten" Muskulatur an.
Bei den weichen Strukturen erscheint die Körperoberfläche weich,
die Muskelanspannungen liegen in der Tiefe, nahe der Wirbelsäule
und an der Schädelbasis. Das System der angespannten Muskulatur ähnlt
dem Bild einer Kaulquappe (W. Pitzal). Die Energie wird im Zentrum festgehalten.
Der Körperkontakt des Therapeuten erfolgt über
die Hände und Arme des Klienten. Durch den Berührungskontakt
wird die Aufmerksamkeit in die Peripherie gelenkt, es erfolgt aber zunächst
noch kein Fließen oder Pulsieren. Die Erwartungshaltung ist ängstlich,
die Erwartungshaltung besteht darin, Energie vom Therapeuten zu bekommen.
Eine mögliche Arbeit an den kleinen Fingergelenken dient zur Verstärkung
und feinernden Wahrnehmung der eigenen peripheren Körperstruktur.
Die Reaktionen sind meist wohlige Verwunderungen über die Entdeckung
der Funktion der eigenen Peripherie und der damit möglichen Kontakte
zur Umwelt.
Die Entscheidung an den großen Gelenken, nämlich Handgelenk,
Ellenbogengelenk und Schultergelenk zu arbeiten, hat das Ziel, die Kontrollmechanismen,
die es der in unserem Beispiel tiefgelegenen kontrahierten Muskulatur
nicht erlauben sich zu entspannen, zu beeinflußen. Es kommt zum
unwillkürlichen Loslassen. Durch den sanften aber deutlichen Druck
auf das Gelenk und/oder die langsame passive Bewegungen kommt es zur Irritation
und Verwirrung im Bereiche des Gammasystems, welches zum Nachgeben der
Muskelspannung führt.
Wie oben erläutert, geschieht dies über Reizung der Propriorezeptoren
in der Gelenkskapsel und Einflußnahme auf das Gammasystem mit seinem
peripheren und zentralen Anteil.
Im Modell der Reichschen Spannungs-Ladungsformen (7) bedeutet starke Stimulation
es zunächst Aufladung.
Nach dem Kippen in die Entladung erfolgt nicht nur die bekannte muskuläre
Reaktion des Zitterns und dann des rhytmischen Pulsierens mit dem subjektiven
Gefühl des Strömens, sondern auch immer eine mehr oder minder
starke emotionale Reaktion. Die Stärke dieser Entladung hängt
natürlich mit der Atmungsfrequenz und der Atmungsintensität
zusammen, also inwieweit im Augenblick der Organismus fähig ist ein
höheres Erregungsniveau zu tolerieren.
Bei sehr flacher Atmung, besonders im oberen Thoraxbereich, das Charakteristikum
der weichen Strukturen, würde eine sanfte Gelenksberührung beruhigenden
Charakter haben und die langsamen, passiven Bewegungen der Extremität
den Effekt der Entspannung.
Also eine andere Wirkung als die der Aufladung und die damit bewußt
intendierte darauffolgende gesamtkörperliche und emotionale Entladung.
Wollen wir keine Entladung provozieren, um den Körper
an seine selbstregulativen Mechanismen zu erinnern und vorher unbewusste
Überanspannung loswerden, sondern im Gegenteil den Klienten darin
unterstützen, Gefühle halten zu können, können wir
dazu auch am Gelenk ansetzen. Jede aktive und passive rasche Bewegung
stimuliert über beschriebene Bahnen des Gammasystems die Formatio
reticularis, bewirkt damit eine sogenannte arousal reaction. Dies ist
eine Aufhellung des Bewußtseins, verbunden mit einer Tonisierung
der Muskulatur, Anhebung des Pulsschlages und des Blutdruckes, Erweiterung
der Pupille und damit des Sehfeldes, Kontraktion der Blutgefäße
an der Körperoberfläche, Sammeln des Blutvolumens im Bauch und
damit Vermittlung des Gefühles der Zentriertheit und mehr.
Interessant waren für mich die Hinweise, die ich in David Boadellas
Buch über die Einführung in die Biosynthese (8) über die
Gelenke gefunden habe. Nämlich die Beobachtungen über Zusammenhänge
zwischen Handgelenk und Halssegment, Ellenbogen und Zwerchfell, beziehungsweise
Schultergelenk und Beckensegment. Ich kann aus eigener Erfahrung diese
Beobachtungen über die beschriebenen Zusammenhänge bestätigen,
abgesehen natürlich von der Tatsache der Beeinflußung des Brustsegmentes
durch jede Berührung im Bereiche der oberen Extremitäten. Etwa
dem Auslösen von Emotionen, die wir dem Herzen zuordnen, andererseits
auch von in der Rückenmuskulatur festgehaltenen agressiven Gefühlen.
An dieser Stelle möchte ich kurz auch Erfahrungen erwähnen,
die aus einer Körper-therapieschule stammen, die sich nicht explizit
als Psychotherapie versteht, namlich der Polarity von Randolf Stone (einem
gebürtigen Österreicher mit dem ursprünglichen Namen Stein).
Interessant im Hinblick auf von ihm gefundene Zusammenhänge zwischen
Gelenken und (Reichschen) Körpersegmenten. Stone hat beobachtet,
daß bei Druck auf verschiedene gelenksnahe (Ellenbogengelenk) Punkte
am Oberarm eine Vertiefung der Atmungsfrequenz ( Zwerchfell) stattfindet.
Die Punkte am Daumengrundgelenk scheinen eher auf den oberen Thoraxteil
stimulierend zu wirken.
Boadellas Beobachtungen haben mich dazu geführt, auch etwaige Zusammenhänge
zwischen anderen Gelenke und Reichschen Segmenten zu suchen. Obwohl der
Beobachtungszeitraum für eine endgültige Systematik zu kurz
ist, möchte ich doch eine Skizze versuchen.
Zunächst scheint sich die Triade Handgelenk, Ellenbogengelenk und
Schultergelenk im Bereich der Finger zu wiederholen, und zwar im distalen
Gelenk, im Mittelgelenk und im Fingergrundgelenk .
Das Hüftgelenk, das Kniegelenk und der Knöchel wirken zunächst
alle auf das Beckensegment.
Die häufigste Interventionstechnik im Bereiche der vom Klienten aus
gesehen passiven Techniken am Beckensegment, die ich im Rahmen der Emotionalen
Reintegration lehre, ist die Arbeit an den großen Gelenken der unteren
Extremität.
Das untere Sprunggelenk scheint darüberhinaus auch auf das Zerchfell
zu wirken. Die Möglichkeit der Arbeit an den Zehen gehört, wie
die Arbeit an den kleinen Gelenken der Finger, zur Stimulation der Ganzkörperempfingung
und zum Spüren der Peripherie und wird bei Beruhigungsstrategien
und zur Entspannung angewendet.
Abschließend sei noch etwas zu dem, für
unseren Angriffspunkt wichtigsten Gelenk des Körpers gesagt, dem
Kopfgelenk (Occiput /Atlas). Diesem Gelenk kommt eine Sonderstellung zu.
Die in den Gelenkskapseln der Kopfgekenke sitzenden Propriorezeptoren
wirken nicht wie in den anderen Gelenken nur segmental auf die Gammaschleife,
sondern es besteht eine Regulationsdominanz über sämtliche Gelenke
des Körpers. Dies zeigt sich unter anderem dadurch, daß freie
und harmonische Bewegung des Achsenorgans nur möglich ist, wenn keine
Störung der Beweglichkeit der Kopfgelenke vorliegt. Ebenso wird die
Tonussituation des ganzen Muskelsystems beeinflusst.
Aus dem Rezeptorenfeld der Kopfgelenke ziehen Vebindungen zu vegetativen
Zentren, zu den Abduzenskernen. Die Kopfgelenke haben eine Stellung als
peripheres Gleichgewichtsorgan.
Wenn wir ein Tier beim Sprung beobachten, so sehen wir, wie es den Kopf
in die Sprungrichtung dreht, der Körper vollzieht automatisch diese
Bewegung mit. Beim Menschen können wir diesen Mechanismus zum Beispiel
beim Turmspringer beobachten, der seine Schraube in der Luft durch Drehung
des Kopfes intendiert, oder bei einer alltäglicheren Erfahrung, beim
Fahrradfahren. Wenn wir unsere ersten Versuche beim Lernen unternehmen,
haben wir die größte Mühe, nicht sofort in die Richtung
zu lenken, in die wir gerade schauen. Automatisch folgt der Körper
der Drehung des Kopfes. Wir haben die Möglichkeit diesen sogenannten
Haltungs- und Stellrefex mit unserem Großhirn zu unterdrücken.
Bei neugeborenen Kindern ist dieser Reflex noch intakt, ebenso bei decerebrierten
Erwachsenen, zum Beipiel nach Unfällen. In der nach ihren Erfindern
benannten Bobaththerapie in der Heilgymnastik wird bei neugeborenen spastischen
Kindern, bei denen es wichtig ist, passiv die Gelenke zu bewegen, damit
sie nicht versteifen, mittels der passiven Bewegung in den Kopfgelenken
erreicht, daß sich Arme und Beine reflexartig mitbewegen. Wird der
Kopf nach rechts gedreht, wird der gleichseitige Arm und der gegengleiche
Fuß gebeugt und umgekehrt.
Welche Bedeutung haben nun die Kopfgelenke in der Körperpsychotherapie?
Durch langsame, vorsichtige Beugung der Halswirbelsäule (HWS) und
nochmehr bei der passiven Drehung des Kopfes zur Seite werden die Kopfgeleke
angesprochen. Wir registrieren sorgfältig kleine Widerstände
im Bewegungsablauf, verharren dort in unserer Bewegung um erst weiterzugehen,
wenn der Klient bewußt den Zusammenhang zwischen dem Stop und der
gesamtkörperlichen Reaktion wahrgenommen hat. Ebenso geht es dabei
wie immer um die Wahrnehmung der emotionalen Reaktion und der ausgelösten
inneren Bilder, oder den Engrammen im akustischen Repräsentationssystem.
Mit diesen Techniken können wir mittels Arbeit an den Kopfgelenken
Kontakt zu allen anderen Gelenken des Körper aufnehmen. Wir bekommen
einen Eindruck von dem Gesamttonus der Muskulatur. Daher eignet sich die
Arbeit an den Kopfgelenken in der Körperpsychotherapie zum diagnostischen
Überblick am Beginn der Therapie, zur gezielten Unterstützung
des Loslassens, also auch bei Beruhigungsstrategien, beziehungsweise zur
präzisen Arbeit an der körperlichen Manifestation des Widerstandes.
Nicht durch den Versuch ihn zu überwinden, sondern um ihn vom Klienten
bewußt wahrnehmen zu lassen. Auf der körperlichen Ebene und
im Zusammenhang mit dem historischen Material. Erst das Verstehen und
Einfühlen mittels Erinnern auf allen drei corticalen Ebenen somatisch-vegetativ,
emotional und kognitiv ( mit der Einschränkung der zeitweiligen Notwendigkeit
einer kognitiven Rekonstruktion), ermöglicht das Zulassen der selbstregulativen
Änderung im Sinne der Auflösung des Widerstandes, wenn er situativ
für den Klienten unangemessen war.
Gewarnt sei an dieser Stelle vor kräftigen Manipulationen an der
HWS, um starke Reaktionen körperlicher und emotionaler Art hervorzurufen.
Erlauben es doch die komplexen topographisch-anatomischen Zusammenhänge
zwischen der Arteria vertebralis und den Durchtrittslöchern in den
Querfortsätzen der Halswirbelkörper nicht, Dreh- und Zugbewegungen,
vor allem in der Retroflexion ohne subjektive unangenehme Sensationen
wie das Auslösen von Schwindel, durchzuführen. Sorgfältige
Kenntnis der Gefäßpathologie und der Gefäßversorgung
der hinteren Schädelgrube mit den lebenswichtigen vegetativen Zentren
des Hirnstammens, wie wir sie in unserer Ausbildung lehren, sind Voraussetzung
zur Vermeidung von medizinischen Zwischenfällen.
Fussnoten:
1) Reafferenzprinzip nach Holst und Mittenstaedt 1956:
Erst die Rückmeldung des Erfolges an das Steuerzentrum bestimmt den
Verlauf der weiteren Leistung.
2) Divergenzprinzip: Eintreffende Reize werden stets
über mehrere Bahnen und Schaltebenen geleitet, gefiltert, gespeichert
oder verstärkt wirksam.
3) H.Tilscher, M.Eder: Reflextherapie, Stuttgart 1989.
4) M.Eder, H.Tilscher: Chirotherapie, Stuttgart, 1990,
S 39ff.
5) R. Hassler, in: Hans Hoff, Muskel und Psyche, Basel
1964
6) D.Langen, in: Manuelle Medizin und ihre wissenschaftlichen
Grundlagen, Wolff (Hsg.), Heidelberg 1968
(7) Wilhelm Reich, Charakteranalyse, Köln, Berlin
1970
8) David Boadella, Befreite Lebensenergie, München
1987, S 80.
9) Nocquet A.: Der Weg des Aiki Do, Berlin 1978 ,S
31, S 41.
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